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Ausstellung | Nr. 70

Heinz Egger «aus der Nacht …» | Trudi Liggenstorfer «Geräumige Zeit»

21.5. – 26.6.2016

Vorschau Einladung 69

 

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Vorschau Einladung 69

 

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Vernissage:
Samstag, 21.5.2016, 17.30 Uhr
Einführung durch Gerhard Piniel, Kurator der Ausstellung

 

Rahmenprogramm:

Sonntag, 29.5.2016, 11.30 Uhr
Lesung von Klaus Merz. Heinz Egger hat seit vielen Jahren die Bücher von Klaus Merz bildnerisch begleitet.

Sonntag, 5.6.2016, 11.30 Uhr
«Geräumige Zeit» – Raum und Zeit im Bild. Ein Gedankenaustausch zwischen der Künstlerin Trudi Liggenstorfer und Gerhard Piniel.
Musikalische Umrahmung: Frank Konopasek (Gitarre).

Sonntag, 12.6.2016, 11.30 Uhr
Patricia Bieder, Kunsthistorikerin und Assistentin am Kunstmuseum Solothurn, im Gespräch mit Heinz Egger. Moderation: Gerhard Piniel.

Sonntag, 19.6.2016, ab 11.32 Uhr
Substantielles aus der Küche: Trudi Liggenstorfer und Toni Nigg kochen Suppe für Besucherinnen und Besucher der Ausstellung.

 

 

Zur Austellung

Ohne thematische Klammer bestreiten Heinz Egger (*1937) aus Burgdorf und Trudi Liggenstorfer (*1944) aus Winterthur zusammen eine Ausstellung mit je eigenen Bildwelten. Beiden gemeinsam ist immerhin die Auffassung des Bildes als Resonanzraum, in welchem sich das Erleben von Zeit und Zeitlichkeit vieldeutig ausspricht. Auch geht es beiden um behutsame Annäherungen an Bildgedanken, um eher leise Gestaltungen, die bei aller Offenheit stimmig und dringlich wirken.

Heinz Egger, im Raum Bern bis Zürich auch durch Museums-Ausstellungen hervorgetreten, ist erstmals in Winterthur zu Gast. Ein reiches Oeuvre wird in wesentlichen Aspekten sichtbar. Für ihn «ist Malerei ohne Inhalt und Emotionen nicht denkbar. Der Mensch muss stets spürbar, er muss immer erahnbar sein». Ganze Stapel von Büchern in Eggers Atelier weisen den Maler auch als grossen Leser aus. Speziell hingewiesen sei deshalb auf die Autoren-Lesung am 29. Mai von Klaus Merz, dessen Bücher Heinz Egger seit Jahren bildnerisch begleitet.

Trudi Liggenstorfer hat Arbeiten vorzuweisen, die in aller Stille entstanden und noch zu wenig bekannt geworden sind. Nach der Kunstgewerbeschule Zürich studierte sie 12 Semester Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, erhielt dort und später in Zürich Lehraufträge. Seit 1976 hat sie ihr Atelier in Winterthur, seit 1989 ist sie Mitglied der Künstlergruppe Winterthur. Sie verbindet zeichnerische Elemente auf komplexe Weise mit reduzierter, transparenter Farbigkeit und nennt ihre Arbeit «die Suche nach dem Unbekannten und manchmal die Entdeckung von einem neuen Stück Weg dahin».

 

  • Heinz Egger «Aus der Nacht»

    Heinz Egger «Aus der Nacht»

  • Heinz Egger «Staunen und Suchen

    Heinz Egger «Staunen und Suchen»

  • Trudi Liggenstorfer «Titellos»

    Trudi Liggenstorfer «Titellos»

  • Trudi Liggenstorfer «Titellos»

    Trudi Liggenstorfer «Titellos»

 


Ansprache

 

Heinz Egger / Trudi Liggenstorfer

Ich heisse Sie herzlich willkommen zur neuen Ausstellung und zum Begleitprogramm, dessen Glanzlicht eine Lesung von Klaus Merz am Sonntag, den 29. Mai ist. Mehr durch Zufall hat sich ergeben, dass die letzte und die neue Ausstellung gleich konzipiert sind: im UG ein Künstler, im OG eine Künstlerin. Aber die Unterschiede sind beträchtlich und sicher für viele erfreulich: es ist Farbe eingekehrt.

Heinz Egger, der im Raum Bern-Basel-Zürich auch durch Museumsausstellungen bekannt geworden ist, lernte ich vor zwei Jahren kennen und gewann ihn für eine Ausstellung im oxyd, seine erste in Winterthur. Und endlich kommt auch die Winterthurer Malerin Trudi Liggenstorfer zum Zug – wir hatten sie schon lange auf der Warteliste. Ein gemeinsames Thema sollte ursprünglich „Geräumige Zeit“ heissen, weil beide mit der menschlichen Existenz in der Zeit befasst sind und dies betont räumlich in Bildern inszenieren. Die Zeit, das völlig Unanschauliche, bezeichnen wir ja gerne mit dem, was wir zu kennen meinen, mit räumlichen Begriffen, und sprechen vom Zeitraum und von Zeiträumen. Warum also nicht einmal von „geräumiger Zeit“, wenn sie durch Malerei so wunderbar visualisiert wird? Heinz Egger modifizierte allerdings das Thema für sich und fand den Titel „aus der Nacht...“, was ja auch mit der Zeit zu tun hat, aber einen bestimmten Ablauf akzentuiert, der seine Kunst bestimmt. So formulierte er für ein Interview folgenden Gedanken: „Der Schatten kommt aus dem Unendlichen wie auch das Licht... Licht und Schatten geben ihren Ursprung nicht preis. Meine Malerei bewegt sich in einem ständigen Verweben von Hell und Dunkel.“

Heinz Egger
Ich möchte zuerst zu seiner Person einige Informationen geben und zu seiner Arbeit ein paar Bemerkungen anschliessen, bevor wir ins erste Geschoss hinaufwechseln. Heinz Egger lebt und arbeitet in Burgdorf. Seine Ausbildung erwarb er an den Kunstgewerbe-schulen in Bern und Basel und an der Universität Bern. In Lausanne absolvierte er ein Musikstudium mit dem Instrument Geige, wandte sich dann aber der künstlerischen Laufbahn zu. Er kennt sich in allen Sparten der Musik und der bildenden Kunst aller Zeiten aus. Er ist auch ungemein belesen und literarisch bewandert. Das führte u.a. zur Zusammenarbeit mit dem Aargauer Autor Klaus Merz, dessen Bücher er seit vielen Jahren im Haymon Verlag bildnerisch begleitet. Das Credo für seine Arbeit hat er denn auch einmal so formuliert: „Für mich ist Malerei ohne Inhalt und Emotionen nicht denkbar. Der Mensch muss stets spürbar, er muss immer erahnbar sein.
Der Mensch explizit als Figur erscheint selten, hier in der Zeichnung „Der Arm“, in einigen der kleinen Ölbilder, in den Direktätzungen, die fotografisches Material enthalten. Auch erahnbar ist der Mensch in einer Kohlezeichnung, wo ein Haufen grafischer Kürzel wie ein Heer aussieht, aus dem einzelne kleine Soldaten ausscheren. Erahnbar ist der Mensch indirekt in Bauteilen von Häusern, in Fragmenten von Räumen, Fenstermotiven usw. Erahnbar ist der Mensch vor allem im Stimmungsgehalt der Bilder. Von Bild zu Bild gehend, durchwandert der Betrachter ein weites Feld: da ist ein lichter Moment, ein Aufatmen, da gar ein Glücksmoment, da eine Sackgasse des Zweifels, da eine undurchdringliche Finsternis, da ein Rosa der Hoffnung neben einer grauen Verzagtheit, ein Stück hellblauer Himmel, eine Ecke der Niedergeschlagenheit, Momente der Angst, der Melancholie, Eros und Thanatos.

Auch die Hängung der Bilder ist eine sehr spezielle Komposition der Kontraste: Gross gegen Klein, Dunkel gegen Hell, ganze Gruppen gegen einzelne Werke, die eine Wand beanspruchen. Heinz Egger hat ein spannendes Gelände seit Monaten vorbereitet. Alles wird bei ihm zu einem Prozess. So auch die Titelfindung, die über mindestens vier Stationen ging. Ein Blick auf die Bilderliste zeigt, dass sich die Entstehungszeit einzelner Bilder oder Bildgruppen über mehrere Jahre hinzieht. Seine Bilder seien langsam, sagt der Maler selbst, und nicht, weil er Berner ist. Sie sehen zwar wie spontan, sogar schnell gemalt aus, doch der dünne Farbauftrag erlaubt Übermalungen und Anreicherungen. Sie haben wenig mit expressiven Würfen gemein, sondern kommen allmählich an und von weit her, aus nachhaltigen Eindrücken und aus der Erinnerung. Auf ihn passt ein Wort von Augustinus. Im zehnten Buch der „Bekenntnisse“ steht geschrieben: „Da gelange ich zu den Gefilden und weiten Hallen des Gedächtnisses, wo aufgehäuft sich finden die Schätze unzähliger Bilder von wahrgenommenen Dingen aller Art.“ Aus diesem Fundus dann Bilder zu befreien, ist heikel. Sollen sie den geahnten Reichtum, ihre Tiefe und Vieldeutigkeit behalten, dürfen sie nicht zu willentlich angegangen werden. Sie müssen dem Maler zufallen, und doch muss er dafür etwas tun. Ein Wort des Lyrikers Durs Grünbein hat Heinz Egger einmal als Titel einer Ausstellung aufgegriffen: „unbewacht im Gelände“.
Will sagen: unkontrolliert, fast unbewusst passiert die Bildwerdung. Auch der gegenwärtige Titel suggeriert Bewegung auf ein namenloses Ziel hin: „aus der Nacht...“
Namenlos meint, dass nicht mit Worten zu definieren ist, was an Gehalt sich zeigt. Der Verzicht auf Titel trägt dem Rechnung. Ein Bild hat auch etwas von einem Spiegel, in dem sich erkennt, wer es anschaut. Jeder kann einen Titel finden.

Das muss ich Ihnen noch mitteilen: Zwischendurch glaubte Heinz Egger einmal den Titel gefunden zu haben: „Von der Schönheit und vom Schrecken“. Den „Schrecken“ haben wir probeweise in „Abgrund“ geändert. (Augustinus könnte auch dafür als Stichwortgeber zitiert werden: „Ein Abgrund ist der Mensch“). Schönheit und Schrecken umfasst das ganze Menschsein. Es ist der Stoff, aus dem Eggers Bilder sind, er visiert ihn an ohne expressionistisches Pathos, aber „dringlich“, ein Wort das ihm wichtig ist. Es bezeichnet wohl das Gefühl, das sich beim Malen einstellt, wenn der Malprozess an einen Punkt gelangt, wo alles Notwendige eingebracht, aber auch alles Überflüssige gelöscht ist. „Dringlich“ verstehe ich als die gelungene Balance zwischen Deutlichkeit und Vieldeutigkeit der Aussage. Durch diese Balance ist das Bild schön, nicht nur schön im ästhetischen Sinne, sondern „dringlich“, „eindringlich“.

Trudi Liggenstorfer
Von Trudi Liggenstorfer konnten wir auf beschränkterem Raum genau drei kleinere Werkgruppen platzieren: Graphitzeichnungen, Acrylbilder und Aquarelle. Sie gehen teils bis in die 90-er Jahre zurück, haben an Gültigkeit des Ausdrucks nichts eingebüsst und machen so die Kontinuität des Schaffens evident. Neu dürften den meisten die im Jahre 2013 entstandenen Aquarelle sein. - Trudi Liggenstorfer ist in Winterthur geboren, hat hier die Volksschulen und die Diplom-Mittelschule besucht und anschliessend drei Jahre die Kunstgewerbeschule Zürich. Die entscheidenden Erfahrungen für ihre künstlerische Zukunft machte sie aber in Berlin während zwölf Semestern an der Hochschule für Bildende Künste im kulturpolitisch brisanten Kontext der 60er Jahre. Sie löste sich vom Gegenstand, distanzierte sich jedoch von einer Malerei, die „gesellschaftlich relevantes Handeln“ einforderte. Ihre Arbeit nennt sie vielmehr „die Suche nach dem Unbekannten und manchmal die Entdeckung von einem neuen Stück Weg dahin“. In Berlin hatte sie ihr erstes Atelier und finanzierte ihr Leben durch Lehraufträge, wie auch später in Zürich. Seit 1976 hat sie ein Atelier in Winterthur und gehört seit 1989 der Winterthurer Künstlergruppe an.

Wenn man diesen Raum betritt, wird einem schlagartig klar, dass das Zeichnen eine fundamentale Bedeutung für Trudi Liggenstorfer hat. Aus wenigen Strichen entsteht eine Welt, so wenige Striche findet man nur ganz selten auf Zeichnungen. So mit Linien zu geizen beinhaltet sogar eingewisses Wagnis. Man könnte ja meinen, es sei da allzu sehr gespart, allzu viel weggelassen und einem vorenthalten worden. Das wäre eine ganz verkehrte Sicht, weil man eine Fülle voraussetzte. Ich denke, wir müssen hier vom leeren Blatt ausgehen. Auf ein leeres Blatt wird eine Linie gesetzt, und dazu noch eine, und noch eine. Das Spielfeld belebt sich, die Spannung wächst. Mit dickem Stift wird geprüft, wieviel bildnerische Energie mit wie wenig graphischem Aufwand zu gewinnen möglich ist. Diese Kunst illustriert nichts, sie abstrahiert nichts, sie lebt allein kraft der konkreten Form. Was nicht heisst, dass diese keinen Sinn transportiert. Mich erinnert sie z.B. an den Gedanken Friedrich Hebbels: „Wirf weg, damit zu nicht verlierst.“ Auch Poesie kam mir in den Sinn, etwa eines der späten, schlichten Gedichte von Hölderlin: „Die Linien des Lebens sind verschieden, / Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.“ Diese Blätter mit den sparsamen Zeichensetzungen nannte ich dann auch Trudi Liggenstorfers Haikus. Wie die 17 Silben eines japanischen Haikus enthalten sie die Essenz einer erlebten Situation. - Es gibt von Trudi Liggenstorfer auch reicher instrumentierte Zeichnungen, die wir allein aus Platzgründen zurückstellen mussten. Nur gerade eine ganz neue Arbeit, eine Collage aus zerschnittenen Zeichnungen, haben wir einbezogen.

In den grossen Bildern ist jeweils über deren Keilrahmen nicht Leinwand, sondern Baumwolle gespannt. Mit ihrer dichten Textur erzeugt sie eine ganz andere, weichere Wirkung. Die Arbeit mit Graphitstift und die mit dem Pinsel ergänzen sich hier. Von lasierenden Farbschleiern überdeckten Linien treten zurück, verlieren sich gar. Wir werden gefangen genommen von komplexen Strukturen, einmal gänzlich ohne Farben, in der Regel aber mit einer, mit zwei oder höchstens drei Farben: Rot, Blau und Gelb. Auch koloristisch geht die Malerin also vom Einfachsten, ganz Elementaren aus und gewinnt ihm alles ab, was möglich ist. Im Dialog der Linien mit verdünnt aufgetragenen bis verdichteten Acrylfarben entstehen Tiefenräume mit ihrem je eigenen Licht und ihrer Stimmung. Man kann in diese Kunstlandschaften gleichsam hineinhorchen, sie nicht eigentlich betreten. Es geht der Malerin und somit auch der Betrachterin und dem Betrachter um das allmähliche Erkunden von Innenwelten. Der Titel „geräumige Zeit“ schien ihr passend zu einer Bildwelt, die so weit reicht wie die in alle Richtungen ausgreifenden Arme eines aufrecht stehenden Menschen, zu einer Bildwelt, in die Existenz eingebracht worden ist: Lebenszeit.

Schliesslich sind die fünf Aquarelle im Oberlichtraum zu entdecken. Die grossen Papiere sind in flacher Position grossem Tisch mit breiten Pinseln freihändig bemalt worden. Und zwar so, dass transparente, übereinander gelegte Farbbahnen die Farbigkeit in ungemein delikaten Schritten abstufen. Nochmals auf andere Weise ist hier ein einfaches formales Konzept angewandt: im Prinzip laufen drei Grundfarben geradewegs von oben nach unten. Einfacher geht es ja nicht. Aber was für ein Reichtum, was für eine Zartheit der Farbströme, was für ein Schimmern und Leuchten kommt zum Vorschein! Es ist auf der Einladung sicher nicht zu viel versprochen, wenn ich schrieb, „mit dosiertem Aufwand entsteht berührende Schönheit“.

 

GERHARD PINIEL, 21. Mai 2016

 

 

 

Pressestimmen

 

Verführung total: Samtenes Schwarz und strenge Lichtkapelle

Mit den Malereien und Kohlezeichnungen von Trudi Liggenstorfer und Heinz Egger in den Oxyd-Kunsträumen überrascht und beglückt Kurator Gérard Piniel. Und beweist: Die ältere Generation lebt.
Kurator Gérard Piniel hat mit der Winterthurer Künstlerin Trudi Liggenstorfer und dem in Burgdorf wohnenden Maler Heinz Egger zwei Exponenten einer bereits älteren Generation ins Oxyd in Wülflingen eingeladen. Liggenstorfers Werk ist von früheren Dezemberausstellungen her bekannt, doch seit längerem war nichts mehr ausserhalb des Ateliers zu sehen. Man kennt auch ihre Technik. Sie legt dünne Farbnebel in roter, blauer oder gelber Acrylfarbe auf die Leinwand. In diesen diffusen, lichtdurchlässigen Farbräumen lagert sie ein Netz unregelmässiger Graphitlinien ab. Illusionistische Räume mit den Mitteln der Malerei und der Zeichnung erforschen, das könnte Liggenstorfers Programm sein. Darin ist die Auseinandersetzung mit dem Licht schon angelegt. Nun treibt sie diese in einer Serie von grossformatigen Blättern im engen Oberlichtkabinett weiter, wobei sie dünne, leicht verschobene vertikale Streifen mit einem breiten Pinsel übereinanderzieht. Der Effekt, begünstigt durch das Oberlicht, ist überwältigend. Man glaubt, die auf dem weissen Untergrund reflektierten Lichtwellen beobachten zu können, wie sie sich zu feinsten Farbschleiern vereinen – und dies in einer strengen Streifenordnung.

Innen und Aussensicht
Die liggenstorfersche Lichtkapelle ist indes nicht die einzige Entdeckung in dieser Doppelausstellung, die einen die verschiedenen Schönheiten des Lichtes geniessen lässt. Im Falle von Heinz Egger wird das Luminose aus der Dunkelheit heraus geboren. In Bern, Solothurn und Burgdorf und selbst in Zürich hat Egger einen klangvollen Namen, in Winterthur dagegen kennt seine Malerei kaum jemand (ausser dem einstigen Berner Weggefährten Bendicht Fivian). Beinahe schämt man sich deswegen. In der Begegnung mit dem bald Achtzigjährigen versteht man rasch, dass Malerei und Person miteinander verschmolzen sind. Mag diese Formulierung etwas pathetisch tönen, die gross- und kleinformatigen Ölbilder und Kohlezeichnungen bestätigen indes den Eindruck.

Erinnerungen als Fragmente
Und nicht untypisch für einige seiner Generation betont auch Egger die Verbindung von Innenund Aussensicht, die sich in seinen Bildern manifestiere. Darum findet man darin den figürlichen Zugriff wie den abstrakten Gestus. Tatsächlich erkennt man unschwer in seinen Serien Wirklichkeitsausschnitte, mehr angedeutet als ausformuliert zwar. Sie bilden ein feines Geflecht von szenischen Erinnerungen, die sich mit Emotionen und Erschütterungen verbunden haben. Das spielt sich in der Intimität von Interieurs ab, wo Möbel und Figuren als Fragmente erscheinen, aber auch in der Auseinandersetzung mit Zeugnissen von kriegerischen Ereignissen. In den übermalten Fototiefdrucken kündigen die dunklen Rauchsäulen vom Unheil, das man mehr erahnt als sieht. Das Schwarz legt sich wie eine sanfte Hand darüber. Diesen Trost braucht Egger auch sonst, aber speziell in seinen grossformatigen Kohlezeichnungen, wo aus den dunklen Tiefen Torsi aufscheinen.

In Manet verguckt
überhaupt arbeitet sich Egger aus der Dunkelheit ans Licht und spürt in den Schattierungen einem Mysterium nach, das in seiner Ölmalerei mitunter mehr Verführung als Geheimnis ist. Hat sich Egger in seinem langen Schaffen nicht auch in Edouard Manet verguckt, in sein samtenes Schwarz, aber auch sein laszives Rosa und Hellblau? Egger ist wie der Franzose ein unverschämt erotischer Maler und Zeichner von schockierender Schönheit. Das liegt im Pinsel und im Umgang mit der Farbe. Seine Töne sind selten rein, sondern allein schon durch die vielen übermalungen moduliert; die atmosphärische Grundierung geht über Grau ins sonore Dunkel, aus dem sich dann die Helligkeit befreit, herausarbeitet undansLichtdrängt.
Diese subtile Dynamik zeigt sich auch im schnellen Gestus des Pinsels oder dem nervigen Druck der Kreide. Und wenn der Betrachter durch die Egger-Ausstellung schreitet und innehält, wird er realisieren, dass er dem Rhythmus einer durchkomponierten Hängung mit präzise gesetzten Pausen folgt.

 

ADRIAN MEBOLD, Der Landbote vom 8. Juni 2015

 

 

 

 


Vorschau iifall Nr.2

 

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iifall

Leben, so der Philosoph Henry James, ist Inklusion und Konfusion. Alles gehört dazu, alles ist durcheinander. Kunst hingegen, so fährt James fort, bedeutet Unterscheidung und Auswahl. Und zwar immer wieder von Neuem. Denn wenn wir neu unter- scheiden und neu auswählen, dann fällt uns auch Neues ein, und wir finden zu überraschenden Eindrücken und Urteilen über uns und unser Leben. iifall, das ist der neue Dreh- und Angelpunkt von oxyd. Ein grosser Tisch in einem Raum, in dem sich die Wege zwischen den Stock- werken und Ausstellungen kreuzen. Hier tafeln wir, hier träumen wir, hier denken wir. Mit immer neuen Einfällen.

iifall heisst, dass einmal im Jahr eine Künstlerin, ein Künstler, die Konfusion des Lebens in eine je eigene Form bringen und dafür den Dreh- und Angelpunkt verwandeln wird. Den Einfällen setzt nur die Statik Grenzen wie auch der Tisch, der samt ein paar Dutzend Stühle stehen bleiben wird. Drumherum ist alles möglich.

iifall steht jedes Jahr unter einem neuen Motto, einer neuen Unterscheidung oder Auswahl. Jeweils am 15. des Monats wird der neu gestaltete Raum Tanzenden, Bauchredenden, Skizzierenden, Mimenden, Klebenden, Dudelnden, Deklamierenden, Singenden, Ringenden, Philosophierenden zur Verfügung stehen, um die Gäste mit immer neuen Einfällen zu immer weiteren Einfällen anzuregen.

 
iifall 2016 steht unter dem Motte Zu viel Licht

Zu viel Licht blendet, zu viele Eindrücke entkräften, zu viel Leidenschaft lähmt. Die diesjährige Verwandlung des Dreh- und Angelpunkts von oxyd lässt Licht durch Schlitze und Risse fallen. Je nachdem, wohin Sie sich bewegen, wird es heller oder schattiger sein. Um Sie herum treiben in 273 kleinen Töpfen Bohnenpflanzen, manche sind blass und gackeln, andere sind klein und kümmern, etliche sind grün und proper. Auf dem Holztisch finden Sie die neuesten Tages- zeitungen: Krieg, Anschläge, Flucht und Hunger. An den Wänden flimmern Videoaufnahmen von den in den Konflikten frisch ums Leben Gekommenen. Unerträglich? Kein Problem. Ziehen Sie die überall vorhandenen Jalousien herunter, legen Sie die Tageszeitungen zum Altpapier.

Raumgestaltung: Andreas Fritschi zusammen mit Fredi Hotz und Max Perucchi

 

 

Programm

 

Sonntag, 15. Mai 2016
18 Uhr Bar
19 Uhr Sie! Ja genau, Sie! Nur wir? So ist es!
Diesmal gibt es keine Veranstaltung wie sonst am jeweils 15. des Monats. Diesmal stehen unsere Gäste, Sie alle, Kulturschaffende wie Kulturgeniesser, im Rampenlicht. In der oxyd Kaffee&Bar erwarten Sie Gespritzter, Gebäck und Gespräche. Willkommen!

 

Mittwoch, 15. Juni 2016
18 Uhr Bar
19 Uhr Steppen unter Bohnen
Daniel Borak, der Weltmeister aus Winterthur, steppt in Andi Fritschis Schon- und Fluchtraum. Wahrscheinlich einer unserer besten ifälle. Daniel Borak (Stepptanz), Gabriela Pislak (Gesang), Jan Pislak (Gitarre) Eintritt Fr. 20.–, iifallessen Fr. 18.–

 

 


Öffnungszeiten

Freitag: 14 bis 17 Uhr
Samstag: 14 bis 17 Uhr
Sonntag: 11 bis 16 Uhr
oder nach Vereinbarung

 

oxyd Kunsträume

beim Bahnhof Winterthur Wülflingen
Wieshofstrasse 108
8408 Winterthur
Telefon 052 316 29 20

 

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