oxyd Kunsträume | Podium | Nr. 3
22.1. – 4.3.2012
Karin Wiesendanger | Dorina Wohlgemuth
Zur Austellung
Erstmals einem breiteren Publikum wurde ein kleiner Teil der Arbeiten dieser beiden Künstlerinnen anlässlich der vergangenen Dezemberausstellung gezeigt. Im oxyd soll nun ein grösserer Einblick in deren Schaffen gegeben werden. Mit der Malerin Dorina Wohlgemuth und der Multimedia-Künstlerin Karin Wiesendanger treffen zwei Generationen aufeinander und damit in der Ausstellung auch zwei komplett unterschiedliche künstlerische Haltungen.
Karin Wiesendanger
Malerei, Zeichnungen, Videos werden von der Künstlerin zu einem erzählerisch dichten Gesamtwerk zusammengefügt.
Dorina Wohlgemuth
Ihr malerisches Werk ist der Versuch, Visionen und Vorstellungen zu existentiellen Themen möglichst genau ins Bild zu fassen.
Pressestimmen
Totentanz und Leben auf Reisen
In den Kulturräumen Oxyd kann man zwei spannende Winterthurer Positionen entdecken: Dorina Wohlgemuth und Karin Wiesendanger zeigen Arbeiten im Rahmen der Ausstellungsreihe «Podium». Zwei Generationen sind hier zu entdecken, die beide Aktualität besitzen.
Ihr zehnjähriges Jubiläum feiern die Oxyd-Kunsträume mit der Präsentation lokalen Kunstschaffens. In der «Podium» genannten Ausstellungsreihe sind nun mit Dorina Wohlgemuth (*1938 in Bukarest) und Karin Wiesendanger (*1982 in Winterthur) zwei Künstlerinnen präsent, die an der vergangenen Dezemberausstellung im Kunstmuseum Winterthur ihren ersten Auftritt hatten. Peter Grüter, Mitglied des Oxyd-Teams und langjähriger Kurator, bietet auf dem «Podium» den zwei nun die Gelegenheit, einen breiteren Ausschnitt aus ihrem Schaffen der Öffentlichkeit vorstellen zu können.
Gerade im Fall von Dorina Wohlgemuth ist dies eine glückliche Fügung: Wer sie nicht bereits an Atelierbesuchen anlässlich der jährlich stattfindenden Open Doors kennen lernen konnte, dem blieb vermutlich das im Kunstmuseum isoliert vorgestellte Œuvre kaum in Erinnerung.
Eine Spätberufene
Auf dem Podium präsentiert sie sich in prägnanten Positionen. Wohlgemuth ist ja eigentlich eine Spätberufene: Geboren als Kind von Schweizer Eltern in Bukarest, kehrt sie noch als Kleinkind zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mit ihrer Familie in die Schweiz zurück. Zwar macht sie den Vorkurs der Kunstgewerbeschule Zürich und von 1959 bis 1963 eine Lehre als Grafikerin. Von 1969 bis 1993 ist sie in erster Linie Familienfrau, bis sie 1993 an der Unjurierten in der Eulachhalle wieder auszustellen beginnt. Bereits 1997 wird die Kunstkommission der Stadt Winterthur auf die Malerin aufmerksam – und kauft ein Werk an, wie auch 2001. Ab 1995 folgen Einzelausstellungen, so in der Galerie Rathausdurchgang wie auch im Frauenzentrum Winterthur.
Auf dem Podium ist sie mit verschiedenen Themen präsent: So etwa mit ihren inhaltlich verspielten Knochenbildern, die in ihrer Unbekümmertheit im Umgang mit dem Tod fast schon den Charakter eines Totentanzes annehmen. Da wird ein Becken(?)knochen so arrangiert, dass es aussieht, als ob es ein gerade abfliegender Vogel wäre. Ein versteinerter Flugsaurier wird zu einem lebendigen Wesen – in leuchtend gelbem Umfeld.
Dichte Erzählung
Ein anderes Thema sind Erinnerungen an Bukarest, die in der Künstlerin anlässlich eines Besuchs der Stadt aufgekommen sind. Ein drittes Thema ist die Identität des Menschen, wie er sie annimmt und auch wieder ablegt. Während die Bilder motivisch überzeugen und eine ganz eigene Sicht auf die behandelten Themen manifestieren, offenbart sich stilistisch die Auseinandersetzung mit den Traditionen der jüngeren Kunstgeschichte.
Handwerklich sind die Arbeiten solide – Ansätze zu einer authentischen malerischen Handschrift sind aber vorhanden und so wartet man gespannt, was da als Nächstes kommt. Und was ebenfalls offensichtlich wird: Man muss kein junger Jahrgang sein, um aktuelle Themen wie den Umgang mit Erinnerung, Tod, Leben oder Identität auf zeitgenössisch adäquate Art aufzugreifen.
Hektik und Stillstand
Karin Wiesendanger dagegen ist Jahrgang 1982 – sie hat eine Ausbildung zur Schrift- und Reklamegestalterin sowie einen Kunstlehrgang in Winterthur und auch den vierjährigen Diplomstudiengang Bildende Kunst an der F+F-Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich absolviert. Seit 2008 ist sie regelmässig in Gruppenausstellungen in Zürich, Winterthur und Freiburg (D) vertreten.
Wie an der Dezemberausstellung zeigt sie auch im Oxyd eine Mixed-Media-Arbeit aus Video, Malerei und Zeichnung. Es handelt sich um eine Art «Dokufiktion», in der Aufnahmen aus dem Flughafen Zürich mit teils aberwitzigen Dialogen kombiniert werden. Zudem greift Wiesendanger einzelnen Szenen oder Gegenstände aus dem Video auf und setzt diese malerisch oder zeichnerisch um. Kommt im Film die Einsamkeit des Einzelnen in der Masse zum Ausdruck, setzen die Zeichnungen und die Gemälde der Hektik des Videos den Stillstand entgegen. Gemalt oder gezeichnet werden einzelne Filmszenen eigenartig verfremdet.
Während die Malerei und die Zeichnungen als solche noch reichlich unbeholfen daherkommen, überzeugt die Arbeit in der Idee und der erzählerischen Qualität. Auch hier eine Position, bei der man gespannt sein darf, was da noch kommt.
CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 24. Januar 2012