oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 49

14.5. – 17.7.2011

Renate Bodmer | Bendicht Fivian | Corinne Güdemann | Andrea Muheim | Ercan Richter | Giampaolo Russo | Kaspar Toggenburger | Alex Zwalen

«All Diese Altmodischen Sachen (adas)»

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

Die acht Künstlerinnen und Künstler machen über Ihr Kunstschaffen folgende Aussagen: «Mit Pinsel und Farben malen wir Sachen, die wir vor Augen haben; sogar auf Leinwand, die zudem vielleicht auf einer Staffelei steht.»

RENATE BODMER *1939. Es gibt 4 Phasen im bisherigen Werk: 1. ungegenständliche Farbkompositionen in Acryl, 2. grossformatige Selbstbildnisse auf Plachen gemalt, 3. aus der Vorstellung gezeichnete Kindheitserinnerungen mit Kohle und Kreide auf Papier und 4. die aktuelle Phase: Pflanzen- und Insektenmotive vergrössert mit Pinsel und verdünnter Tinte auf Papier. Dabei geht es um interessante Formen, die man nicht erfinden kann.

BENDICHT FIVIAN *1940. Der Bassist H.S. sagt vor einem meiner Bilder: «Warum finde ich diese gemalte Kartonschachtel so faszinierend, wenn doch die richtige dort drüben ganz gewöhnlich ist und gar nicht auffällt?» Wie schön, er hat meine Malerei begriffen!

CORINNE GÜDEMANN *1960. Ich versuche mit meiner Malerei Metaphern zu schaffen für das poetische Potential in der alltäglichen Wahrnehmung, unerwartete Schönheit, eine berührende Stimmung, aber auch Verstörendes oder Irritierendes herauszufiltern aus Dingen, Gesichtern oder Situationen die mir begegnen, diese zu verdichten und sichtbar zu machen. Ein Bild scheint mir gut, wenn es mir gelingt, eine Balance zwischen Malerei und Inhaltlichkeit zu finden, ein breites Assoziationsfeld aufzuschliessen und dennoch präzise zu bleiben.

ANDREA MUHEIM *1968. Lange Zeit faszinierte mich praktisch ausschliesslich der Mensch, welchen ich aus der Erinnerung oder ab Modell malte; jetzt ist es mehr seine Umgebung, welche ich mit Hilfe von selbst gemachten Fotos in Öl darstelle. Ich suche Situationen und Stimmungen, die mich ansprechen, bewegen und versuche beim malen meine Gefühle in das Bild einfließen zu lassen, möchte den/die BetrachterIn in diese Welt entführen. Dabei interessiert mich die Sinnlichkeit von Licht, Farbe und Textur.

ERCAN OKTAY RICHTER *1961 arbeitet seit vielen Jahren in Zyklen. Thematische Reihen und Porträtserien wurden in den letzten Jahren abgelöst von Landschaftszyklen. Auf eigenwillige Art und Weise übersetzt Ercan Landschaftseindrücke in oftmals grossformatige Bilder. Dabei geht es ihm um den Nahblick auf die Natur, die Wiedergabe eines präzisen Landschaftsausschnittes. Der Himmel bleibt ausgeblendet, im Fokus stehen die Strukturen von Gestein, von Wurzeln, Erde und Baumrinde.

GIAMPAOLO RUSSO *1974. Schicht für Schicht baue ich meine Bilder auf. Es ist nicht mein Ziel, eine formal dichte Masse als Resultat zu erreichen, sondern in den Gegenständen und Modellen, die ich darstelle, ihre eigene Tiefe deutlich werden zu lassen. Die Porträts sind Resultat mehrerer Sitzungen: Die formale malerische Frische der ersten Sitzung versuche ich dabei mit der Tiefe der vor mir sitzenden Person zu verbinden, die in den nachfolgenden Überarbeitungen immer sichtbarer hervortritt.

KASPAR TOGGENBURGER *1960. Es drängt mich, «alten Themen», die mich heute umtreiben, eine eigene Form zugeben. Dabei verlasse ich mich nicht ausschliesslich auf innere Bilder, sondern beobachte die Welt, die Natur, um einen Teil davon mit Bleistift, Farbe oder der Kamera festzuhalten. Dieses Material von inneren und äusseren Bildern bestimmen meine Arbeiten. Gegensätze, die ich als ein Ganzes zu sehen, zu verstehen versuche und die wiederum neu gestalte.

ALEX ZWALEN *1958. Ich zweifle oft. Dann frage ich mich, warum ich Kunst mache und keinem Beruf nachgehe, der mir ein sicheres Einkommen verspricht. Ich habe oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, warum ich jeden Tag einfach das tue, was mich am meisten freut und erfüllt. Das soll mir helfen, die mir manchmal so unverständliche Welt zu begreifen und zu mögen. Malen und zeichnen befriedigt mich und ich hoffe, dass ich den Bildern etwas einhauchen kann, das die Betrachter und Käufer auf andere oder neue ungewohnte Gedanken bringt.

  • Raum Bendicht Fivian

  • Bendicht Fivian

    Bendicht Fivian, Waldinneres Nr. 2

  • Ercan Richter

    Ercan Richter, Wurzeln

  • Renate Bodmer

    Renate Bodmer, Zerfallender Fruchtstand Tulpenbaum

  • Raum Corinne Güdemann

  • Corinne Güdemann

    Corinne Güdemann, Signer's Room I

  • Andrea Muheim

    Andrea Muheim, Josefstrasse

  • Kaspar Toggenburger

    Kaspar Toggenburger, Susanne Im Bade

  • Giampaolo Russo

    Giampaolo Russo, Luigi

  • Alex Zwalen

    Alex Zwalen, Fürchte dich nicht


Ansprache

 

ADAS

Sie sind keine festgefügte Künstlergruppe, sondern ein lockerer Freundschafts-verband, durch ähnliche Vorstellungen bezüglich ihrer Kunst verbunden und haben sich für dieses aktuelle Projekt gemeinsam einen provozierenden, zumindest ironisch aufgeladenen Ausstellungstitel gewählt: ADAS will heissen Alle diese altmodischen Sachen.

Altmodisch inwiefern? Alle acht Beteiligten beschäftigen sich mit Medien, die auf eine lange Tradition zurückblicken und somit nichts Spektakuläres an sich haben: sie malen und zeichnen. Tafelbild und Arbeit auf Papier gelten vielen als konservativ und werden angesichts der Lockung neuer Medien, etwa der Fotografie und des Videos, gerne verworfen. Aber, so lassen zumindest mehrere Ausstellungen in Schweizer Kunsthäusern vermuten, besitzen Malerei und Zeichnung, immer wieder totgesagt, immer wieder von Neuem zum Leben erweckt, vielleicht gerade heute eine Zugkraft, die den so genannt neuen Medien insgesamt abgeht. Von der digitalen Bilderflut in den Printmedien, im Fernsehen und in der Werbung zugedröhnt, im Wissen darum, dass sie uns durchwegs manipuliert entgegen tritt, als permanenter Akt der Vorgaukelung, wendet sich unsere Sehnsucht wieder dem Autarken zu. Malerei und Zeichnung, Ausdruck einer persönlichen Sicht und echten Handschrift, von einem Individuum erdacht und zusammengefügt, erfahren wir als willkommenes, um nicht zu sagen notwendiges Medium der Verlangsamung und Vertiefung.

Verlangsamung und Vertiefung finden sich, wenn auch unterschiedlich formuliert, in allen hier ausgestellten Werken. Nicht das Einzelwerk steht im Zentrum, sondern die Werkfolge, das Sich Einlassen auf ein Thema, sich Zeit Lassen für eine Begebenheit, die, wenn nicht wahrgenommen und im handelnden Prozess bildlich festgehalten, aus dem Bewusstsein zu entschwinden droht. Thema ist – und somit kommen wir auf den zweiten Aspekt des Wortlauts ADAS zurück – nichts anderes als die Wirklichkeit, das Um- und Innenfeld, aus dem heraus die künstlerische Beschäftigung ihren Lauf nimmt. Gegenständliche, d.h. abbildende Kunst: altmodisch? Auch hier sehen wir Ironie im Spiel, ist doch der ideologische Grabenkrieg zwischen figurativer und nicht figurativer Kunst kunstgeschichtlich seit den sechziger Jahren ad acta gelegt.
„Dichte Gegenständlichkeit“, von den ausstellenden Künstlern ursprünglich als Klammer für die hier vereinten Auffassungen gedacht, heisst nichts anderes, als dass Innen- und Aussenwelt durch Beobachtung, Betrachtung und Überlegung – über sich selbst und das, was einem umgibt und fasziniert – zum Konzentrat oder zur Essenz verdichtet, zur Darstellung kommt. Dabei reicht die Spanne der hiesigen Ausstellung von der expressiv gesteigerten Formensprache Kaspar Toggenburgers bis zur schlichten, aufs Wesentlich reduzierten Bildgestaltung von Renate Bodmer, – Ausschläge individueller Vorstellungen, was die Auseinandersetzung mit einem Themenfeld und dessen Umsetzung in Malerei und Zeichnung betrifft.

Kaspar Toggenburger zeigt einen Zyklus von Figurenbildern, in denen eine wiederkehrende nackte Frauenfigur von stilisierten Köpfen umzingelt ist. Der Bildtitel „Susanne im Bade“ weist auf ein alttestamentliche Begebenheit zurück, ist ein wiederkehrendes Thema in der Geschichte der Kunst, ein Sinnbild für sündige Lüsternheit. Als real fassbar tritt nur die Frauenfigur in Erscheinung, während die Beobachter, fratzenhafte schablonierte Kopffiguren, Phantomen gleichen, als kämen sie gleichsam aus einer virtuellen Welt. Geht es um das Verhältnis von Frau und Mann, Alt und Jung oder ist es die Natur selbst, die von den Mächten der Zerstörung bedroht wird?

Expressive Steigerung findet sich auch bei Ercan Richter und Giampaolo Russo. Beide beschäftigen sich intensiv mit der Frage der Materialität. Farbe ist für sie nicht auf die Oberflächengestaltung beschränkt, sondern ist eine haptische Masse, ein Stoff, der geknetet, gewalkt, geschichtet sein will. In Ercan Richters Werkfolge „Wurzeln“ stimmen Stofflichkeit und Themengegenstand vollständig überein, das Knorrige, Knotige des wuchernden Wurzelwerks, das er im Waldinnern des Klosters Schöntal entdeckt hat, wird unmittelbar in der sperrig überschichteten, erdhaften Farbmasse manifest. Bei Giampaolo Russos Porträts hat man hingegen den Eindruck, dass der Maler nicht von der Bildfläche nach aussen, sondern von aussen nach innen gearbeitet hat. Den Malprozess hat man sich als äusserst langsam vorzustellen, in zahlreichen Sitzungen geht der Maler dem Innersten seiner Modelle durch das Verinnerlichen der Farbschicht auf den Grund.

„Auf den Grund gehen“ ist ein mögliches Bindeglied zu den formal allerdings gänzlich anders intendierten Zeichnungen von Renate Bodmer, in denen sie wissenschaftlich forschend und künstlerisch darstellend die Strukturen von Pflanzen untersucht. Formenvielfalt, Veränderungen in Wachstums- und Zerfallsphasen sind ihr aktuelles Thema. Schlicht auf Schwarz-Weiss reduziert, nur durch die explizite Vergrösserung überhöht, sprechen die Darstellungen über die Gliederungen von Distel, Fenchel und Tulpenbaum nicht nur von der organischen Struktur – sie sind auch ein unvergessliches Manifest einer schier undenkbaren Arten- und Formvielfalt.

Verdichtung – spinnen wir den Faden weiter – spielt, im Sinn einer Evokation von Stimmung, eine wichtige Rolle bei drei anderen Künstlern, Bendicht Fivian, Corinne Güdemann und Andrea Muheim. Alle drei teilen in ihrem Werk insgesamt eine Faszination für das Alltägliche, Unscheinbare oder Triviale, oft der Welt der Gebrauchsgüter entnommen. Präsent sind sie hier mit dem Themenkreis Landschaft und Intérieur, sei es, bei Andrea Muheim, das unmittelbare und damit unausweichliche Umfeld oder bei Bendicht Fivian und Corinne Güdemann ein Ort, der auf Spaziergängen oder Wanderungen aufgesucht wird. Allen Werken ist ein Zeit- oder Bewegungslauf eingeschrieben, der uns von einem Bild zum nächsten führt.

Bendicht Fivian hat seine Waldbilder, deren erster Zyklus dem Herbst gewidmet war, in den Winter geführt. Das Tiefschwarz der Stämme und Äste, blätterlos auf ihr Skelett reduziert, kontrastiert zum kalten Weiss des Schnees, überstrahlt vom blauvioletten Schattenwurf, der über den Boden mäandert. Kälte und Starre sehen wir uns gegenüber und einer lautlosen Stille, deren Vergegenwärtigung sich unmittelbar auf unser Körpergefühl überträgt.

Vergegenwärtigung ist desgleichen Thema der Künstlerinnen Güdemann und Muheim. Corinne Güdemanns Bilder sprechen vom Aufblitzen von Magie und Poesie, das sich in eine alltägliche Begebenheit einwebt. Die drei Intérieurszenen, in der vergangenen Pracht eines alten Hotels festgehalten, nehmen mit ihren verwaschenen Farben die Melancholie der Umgebung auf; der in der leichten Brise sich bauschende Vorhang liest sich wie eine Metapher für das Entschwinden der Zeit.

Zeit ist auch in Andrea Muheims Nachtbildern präsent, aber scheinbar wie zum Stillstand gekommen. Wie eine Bühne öffnet sich der Bildraum zum Betrachter hin, in scharfem Kontrast von Dunkelheit und grellem Licht. Die Protagonisten haben die Szene offensichtlich verlassen, nur die Gegenstände, die Sitzbänke, Fahrzeuge und Verkehrsschilder bleiben als seltsam bizarre Requisiten zurück. Nacht über Zürich: Eine künstliche Welt, geheimnisvoll und öde, faszinierend und beklemmend zugleich.

Den Abschluss des Ausstellungsraums nimmt Alex Zwalen ein und er ist gleichzeitig der Einzige unter den acht Künstlern, der den Bildraum auf das Bildobjekt ausdehnt. In seinem Bilderkoffer stapeln sich kleine Objekte, die er zu stets anders zusammengesetzten Installationen fügt. Das Motiv des Fliegers hat er beim Spiel mit seinem Sohn entdeckt, das wundersame Gefährt stimmt uns bestens darauf ein, ihm auf seine Bilderreisen in die Natur und in die Welt von Mythen und Sagen zu folgen.

ADAS – Sie als Betrachter sollten sich Zeit nehmen, sich in die Bildwelt der acht Künstler einzustimmen, so ist deren Anliegen. Und diesem soll zugleich, im Namen aller Beteiligten, ein herzliches Dankeschön folgen: dem Team des Ausstellungsraums Oxyd für seine engagierte Mitgestaltung der Ausstellung und der Stadt Zürich für den freundlichen Unterstützungsbeitrag an das Projekt.

 

ELISABETH GROSSMANN, 13. Mai 2011

 

 

 

Pressestimmen

 

Immer wieder sonntags

Kunstvermittlung einmal anders: Im Oxyd in Wülflingen konnte man sich porträtieren lassen. Und im Weihertal lüfteten Bildhauer auf dem Skulpturen-Symposium ihre Geheimnisse.

Da traute man seinen Augen kaum, als man den Gastraum im Oxyd Wülflingen betrat. Ein bisschen Montmartre-Stimmung wie auf der Place du Tertre unweit der Sacré Coeur herrschte dort, hatten doch drei Kunstschaffende ihre Staffelei aufgestellt und porträtierten die Besucher: Bendicht Fivian (Winterthur), Andrea Muheim (Zürich) und Alex Zwalen (Zürich) betätigten sich als gefragte Sonntagsmaler und liessen eine Kunst wieder aufleben, die man schon als tot geglaubt hatte – aber eben doch passend zur noch bis 17. Juli dauernden Ausstellung «All diese altmodischen Sachen (adas)», die einer figurativen Malerei huldigt und deren Möglichkeiten auslotet.
Da sassen und standen also die Leute, liessen sich einweihen in die Finessen der Porträtkunst und erlebten das Wunder, wie Pinselstrich um Pinselstrich ihr Konferfei dem Gesicht der realen Person mehr und mehr ähnelte. Und noch etwas verblüffte die Besucher, die dem Malprozess fasziniert folgten: Jeder der drei Kunstschaffenden bemühte sich um Ähnlichkeit, aber jeder auf seine Art, mit seiner Handschrift, worin sich eine Interpretation der Person widerspiegelte.
Was muss sich da diese «altmodische» Gattung «Porträt» gegenüber dem Foto überhaupt noch rechtfertigen? Weil aber niemand mehr die Zeit und das Geld aufbringt, um sich porträtieren zu lassen, ist diese bis in die Sechzigerjahre auch in Winterthur noch gepflegte Tradition praktisch gestorben. Gerade deswegen schenkten die drei Kunstschaffenden den Anwesenden im Oxyd eine kleine Sternstunde.

Blick in die Seele
Nur ein Kilometer weiter weg, im idyllischen Parkgarten der Familie von Meiss, wo die Skulpturen-Ausstellung bis 28. August zu Gast ist, verrichteten Anna-Maria Bauer (Zürich), Peter Bernhard (Wetzikon) und Hans Thomann (St. Gallen) ebenfalls Sonntagsarbeit. Skulpturen haben es beim Publikum nie leicht, umso interessierter hörte eine grosse Schar von Besuchern den Ausführungen der drei Kunstschaffenden zu, und liess sich in die Geheimnisse hinter ihren Werken einführen. Wer käme schon auf die Idee, dass Bauers Bodenarbeit aus Messing dem Muster eines Schildkrötenpanzers nachempfunden ist? Ebenso erfährt man ein interessantes Detail von Bernhard zur Materialisierung seiner Objekte, beispielsweise dem überdimensionierten und einem Grabstein gleichenden Handy. Die gleichmässige Textur des Sandsteins, dem jede Maserierung fehlt, lenkt nicht vom Wesentlich der Gestalt ab.
Hans Thomann liess tief in seine Seele blicken, als er seine Installation «Halali» beim Umkleidehäuschen erläuterte. Nicht nur hatten die Häkelarbeiten seiner Mutter den kleinen Hans traumatisiert, später waren es die «Platzhirsche», die Kunstkonkurrenten vor Ort, die exorziert werden mussten: in einer im Giebelfeld angebrachten «Jagdtrophäe», bestehend aus einer textil überzogenen Gesichtsmaske und aufgesetztem Geweih.
Im Oxyd wie in der Skulpturen-Ausstellung ging manchen ein Licht auf – dank einer Kunstvermittlung, die zum beglückenden Erlebnis wird, weil sie von den Kunstschaffenden getragen wird – und weil es Sonntag war.

 

ADRIAN MEBOLD, Der Landbote vom 14. Juli 2011

 

 

 

«All Diese Altmodischen Sachen (adas)» – gegenständliche Malerei in den Oxyd-Kunsträumen

Wozu die Welt mit Pinsel und Farben festhalten, wenn das Smartphone hochauflösende Aufnahmen ermöglicht? Kunstschaffende aus Winterthur und Zürich zeigen in den Oxyd-Kunsträumen gegenständliche Bilder.

In der ehemaligen Brockenstube an der Wieshofstrasse 108 in Winterthur befinden sich die Oxyd-Kunsträume – für zeitgenössische Kunst eine der besten Adressen in Winterthur. Seit 2002 haben hier bereits 48 Ausstellungen stattgefunden. Die 49. Präsentation trägt den Titel «All Diese Altmodischen Sachen». Gemeint sind damit keine Restanzen aus der ehemaligen Brockenstube, sondern aktuelle Kunst, die sich auf Tradition beruft, ohne jedoch verstaubt zu wirken.

Gegenüberstellungen
Der von den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern durchaus mit Ironie bedachte Titel ist zugleich der Name einer losen Künstlergruppe, die sich um Bendicht Fivian (geb. 1940) und Renate Bodmer (geb. 1939) gebildet hat. Rund eine Generation jünger sind Corinne Güdemann (geb. 1960), Andrea Muheim (geb. 1968), Ercan Richter (geb. 1961), Giampaolo Russo (geb. 1974), Kaspar Toggenburger (geb. 1960) und Alex Zwalen (geb. 1958). Man suchte den Austausch und fand eine Plattform, um gemeinsam auszustellen. Man wolle die sichtbare Welt ernst nehmen, so Fivian, und den eigenen Augen trauen. Die mediale Überformung der Wirklichkeit sowie deren Fragmentierung durch gleichzeitige Wahrnehmung auf verschiedenen Kanälen werden in dieser Ausstellung ausgeblendet. Sie postuliert den subjektiven Blick und die unmittelbare visuelle Erfahrung.

Die Werke von Ercan Richter und Bendicht Fivian sind in einer aufschlussreichen Gegenüberstellung zu sehen. Beide zeigen Ausschnitte eines Waldes. Während Richter seinen Blick auf den Waldboden richtet und ihn mit pastoser Ölmalerei vergegenwärtigt, malt Fivian ein verschneites Waldinneres, wo die dunklen Stämme (in Acryl) und die bläulichen Schatten sich vom blendenden Weiss des Schnees (in Öl) abheben. Im Gegensatz zu Richter fokussiert Fivian nicht auf die haptische Materialität, vielmehr interessiert ihn die Wiedergabe von Raum durch Licht. Beide Maler benutzen für ihre Gemälde fotografische Vorlagen, arbeiten zum Teil aber auch «sur le motif».

Für Andrea Muheim stellt die Kamera ein unersetzbares Arbeitsinstrument dar. Die Künstlerin setzt durch Fehlmanipulation verfremdete Aufnahmen ihrer Umgebung in Öl um. Die weitwinkligen Nachtbilder des Zürcher Industriequartiers verströmen eine unterkühlte Einsamkeit, wie man sie aus Gemälden Edward Hoppers kennt.

Distanziert und zugleich intim wirken die Arbeiten von Corinne Güdemann. Mit der eigenen Familie als Modell verortet die Künstlerin ihre Werke in der Gegenwart, andererseits stellt sie Bezüge zur romantischen Epoche her. So verweisen ihre kleinformatigen Interieurs mit hellem Fenster auf C. D. Friedrichs «Frau am Fenster» und «Im Schilf» auf Arnold Böcklins «Pan» aus dem Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten. Die kühlen, lasierenden Violett- und Grüntöne stimmen melancholisch; die Sehnsucht nach dem verlorenen Glück der Kindheit schwingt mit.

Rückgriffe auf die Tradition
Kaspar Toggenburger findet für traditionelle Themen wie «Susanne im Bade» eine expressive Bildsprache, die, von Modellstudien ausgehend, ins Visionäre kippt. Die Sublimation der Wirklichkeit steigert sich bei Giampaolo Russo ins Unheimliche. Er porträtiert seine Bekannten in Dutzenden von Sitzungen, um ihre emotionale Tiefe zu erfassen. Die dabei zentimeterdick aufgetragene Ölfarbe lässt aus dem Porträt ein reliefiertes Vexierbild entstehen. Das Sichtbare löst sich in der Vorstellung des Künstlers auf. So auch bei Alex Zwalen, dessen Herkunft aus der Theatermalerei nicht zu übersehen ist und der sich zu sehr an Magritte anlehnt.

Renate Bodmer hingegen beherrscht die Kunst der Anschauung. Unter dem Binokular studiert sie den Aufbau verwelkter Blüten eines Tulpenbaumes und zeichnet sie anschliessend mit Gallustinte auf grossformatiges Aquarellpapier. So altmodisch dies klingt, so zeitlos schön sind diese Blätter.

 

LUCIA ANGELA CAVEGN, Neue Zürcher Zeitung vom 17. Mai 2011

 

 

 

Malen, was Leinwand und Auge halten

«All Diese Altmodischen Sachen» lautet der Titel der neuen Ausstellung in den Oxyd-Kunsträumen. ADAS ist auch der Name einer lose organisierten Künstlervereinigung, die sich den Teufel um irgendwelche Trends schert. Es wird gemalt, was das Auge hält.

Was wurde in der Kunst nicht schon alles totgesagt: Die Malerei, die Geschichte und überhaupt. «Hört auf zu malen», forderte Jörg Immendorff 1966 von seinen Kollegen. «Das war schon Gesinnungsterror», so Bendicht Fivian von der Künstlervereinigung «All Diese Altmodischen Sachen», und er muss es wissen, wurde er doch als ganz junger figurativ malender Künstler von fast allen Ausstellungsorten verbannt. Nun unterscheidet sich die Kunst ja ein wenig vom richtigen Leben, weil in der Kunst die Zeit den Tod besiegen kann: Seit rund vier Jahrzehnten wird wieder munter gemalt und die Kritik feiert enthusiastisch jedes Gemälde und jede Gemäldeausstellung als Auferstehung.
Gut, war da für Fivian und weitere, sich der avantgardistischen Gleichschaltung verweigernde Künstler grad mal kein Platz in der Hölle: Denn was figurative Malerei zu leisten vermag, das zeigt die Oxyd-Ausstellung auf eindrückliche Weise. Zwar waren die acht und ihre Malerei vermutlich gar nie so ganz richtig tot – aber wieso bezeichnen sie sich eigentlich als «altmodisch»? «Wir wollen die sichtbare Welt ernst nehmen, unseren Augen trauen», sagt Fivian. Und ein wenig Augenzwinkern darf auch in einer Kunstausstellung schliesslich sein: «Der Begriff altmodisch ist ein wenig ironisch gemeint, weil wir mit unserem Ansatz, Inhalte über die Malerei zu kommunizieren, als etwas verstaubt gelten», so Corinne Güdemann.

Im Hier und Jetzt
Seinen Augen trauen, das heisst auch, sich im Hier und Jetzt zu engagieren. Ercan Oktay Richter hat sich bereits in der Vergangenheit immer eingesetzt, gegen Krieg und die damit einhergehende Verstümmelung der Seele. Heute geht sein Blick zu Boden, zum Waldboden genauer. Der Farbauftrag ist pastos, man möchte mit den Händen im Waldboden wühlen, man riecht schon fast das verrottende Laub, gleichzeitig überrascht inmitten dieser Gefühle die Präzision, mit der Richter malt. Das Gegenteil malt Fivian: Er malt in seinen Bildern des Waldinneren die Zwischenräume, die Luft, den Raum. Doch bleibt Fivian nicht bei der Darstellung, seine Bilder sind immer verdichtete Realität, gesteigerte Präsenz des Raumes. Fivian begreift die Malerei als Herausforderung, um Dinge, die in Realität wenig augenfällig sind, auf der Leinwand zu einem visuellen Ereignis zu sublimieren.
Ausgangspunkt Natur: Auch Renate Bodmer ist da rettungslos «altmodisch»: Sie untersucht Fundstücke wie Tulpenzapfen unter dem Binokular und zeichnet sie anschliessend in Übergrösse und Tinte. So bewirkt sie einen doppelten Verfremdungseffekt in Grösse und Farbe, doch leugnet das künstlerische Erzeugnis die visuelle Welt, die materielle Erscheinung nie.
«Altmodisch» – das kann auch heissen, statt nur dem eigenen Genius zu huldigen, sich mit der Tradition, mit der Kunstgeschichte zu befassen: Kaspar Toggenburger etwa setzt sich mit dem Thema des Aktes sowie mit der Geschichte der «Susanna im Bade» auseinander. Auch Corinne Güdemann malt mit Vorbildern aus der Romantik im Hinterkopf. Während Toggenburger Themen durch die Erweiterung zu Serien zu überzeugenden zeitgenössischen Antworten auf die Tradition zu erweitern vermag, berühren Güdemanns Gemälde durch ihren ganz persönlichen Blick.
Dass man nämlich auch seinen Augen trauen kann, wenn es um innere Vorgänge geht, das zeigt etwa Andrea Muheim, die im Untergeschoss mit den Tulpenzapfen Bodmers konfrontiert wurde und auch in interessantem Kontrast zu Toggenburgers Serie steht. Sie geht von Fotografien aus, die sie im Atelier auf Leinwand überträgt. Sie macht Stimmungen sichtbar, ohne Abstriche an der Präzision der Darstellung zu machen.
Im Obergeschoss stehen die Porträts von Giampaolo Russo und die Gemälde von Alex Zwalen gegenüber. Russos Porträts entstehen in Dutzenden von Stunden dauernden Sitzungen, in denen der Maler die Darstellung seines Modells vertieft. Dennoch fragt man sich, welche Rolle die Wiedererkennbarkeit spielt, inwiefern er seinen «Augen traut» und von den Dargestellten einen vertieften Eindruck vermittelt. Noch harren die Porträts des jungen Malers einer dezidierteren Position der Tradition der Porträtmalerei gegenüber wie auch der Reflexion der malerischen Technik, die Farben zentimeterdick aufträgt.

Realismus reloaded
Zwalen wiederum wirkt mit seinen Gemälden, in denen Papierfliegerchen herumschwirren oder Dächer zu Bergen mutieren (was einem der Maler aber erklären muss). Sie sind zwar sehr präzise gemalt, aber zuweilen eher zufällig und bezüglich des malerischen Vorgehens noch wenig reflektiert.
Auch wenn vielleicht nicht alle Positionen auf Augenhöhe zueinander stehen: Altmodische Malerei ist ganz schön aufregend, egal ob Landschaftsmalerei, Naturstudien oder Kunstgeschichte: das ist Realimus reloaded – the last temptation of Barbizon. Eigentlich ist es egal, ob Kunst altmodisch ist oder avantgardistisch – Hauptsache sie hats in sich.

 

CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 14. Mai 2011

 

 

 

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