oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 47

5.12.2010 – 9.1.2011

Dezemberausstellung der Künstlergruppe Winterthur und Gäste

oxyd Kunsträume | Atelier Alexander | Kunsthalle Winterthur
Juriert und kuratiert von Kathleen Bühler und Guido Magnaguagno

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

im oxyd
Georg Aerni | Habib Asal | Hans Bach | Eveline Cantieni | Romana Del Negro | Mia Diener | Christoph Eisenring | Doris Frehner | Duri Galler | Sabina Gnädinger | Dominik Heim | Katharina Henking | Gabriella Hohendahl | Isabel Huttner | Monika Krucker | Katja Kunz | Tom Lang | Claudia Maria Lehner | Trudi Liggenstorfer | Rando Moricca | Stephan V. Müller | Katharina Rapp | Thomas Rutherfoord | Erwin Schatzmann | Theo Spinnler | Ron Temperli | Olga Titus | Theres Wey

Gedenkausstellung Heinrich Bruppacher

Pressestimmen

 

Mut zur Veränderung

41 Winterthurer Künstler und Gäste an der Jahresausstellung

An drei Orten in Winterthur öffnet die Künstlergruppe Winterthur erstmals ihre traditionelle, jurierte Dezemberausstellung für eingeladene Gäste und auswärtige Künstler mit einem Bezug zur Stadt. Das Resultat ist eine inspirierende Schau.

Alles ist ein bisschen anders in dieser Jahresausstellung der Künstlergruppe Winterthur und führte im Vorfeld auch zu einigen Missstimmungen, wie Kathleen Bühler erzählt, welche die Werke zusammen mit Guido Magnaguagno in drei Runden jurierte. Denn der Ausschreibung folgten nicht nur die Mitglieder der Künstlergruppe, sondern auch weitere, der Stadt verbundene Kunstschaffende. So sollte die angestrebte Öffnung der ein wenig als Insiderveranstaltung empfundenen Schau erreicht werden. Einige bekannte Namen blieben dabei auf der Strecke, was nicht überall gut ankam.

Intimes und Lautes im Oxyd
Dass in Winterthur ein vielfältiges Kunstschaffen blüht, zeigen die in einem spannenden Parcours zu entdeckenden Werke an drei verschiedenen Orten: in den Oxyd-Kunsträumen, im Atelier Alexander und in der Kunsthalle. Auffallend ist, wie häufig Malereien und Zeichnungen vertreten sind, während Fotografie und Videoinstallationen nur am Rand, dafür in überzeugender Qualität vorkommen, zum Beispiel in Theres Liechtis (geb. 1968) sechs Videoanimationen auf präparierter Spiegelfläche, die ironisch und subversiv das gewohnte Sehen unterlaufen (Atelier Alexander). Am gleichen Ort verlangt der Videoloop «Gentrification» von Sabina Speich (geb. 1965) in seinen sich langsam steigernden Bewegungsabläufen dem Betrachter eine Prise Geduld ab.
Mit einer Fasnachtströte, die mittels Pressluft unentwegt ihren grün und weiss gemusterten Schlund ausrollt, wartet Sabina Gnädinger (geb. 1984) mit einem effektvollen Auftakt im Oxyd auf, dem Thomas Rutherfords (geb. 1956) erweitert konstruktive Bildtableaus mit ihren kühnen und frischen Farbtönen antworten. Trudi Liggenstorfers (geb. 1944) in zarten Blautönen gehaltene Aquarelle zeigen eine einzige Pinselspur von oben nach unten und nehmen in ihrem lyrischen Duktus die Gestaltungskraft der wandfüllenden Papierschnitte von Katharina Henking (geb. 1957) auf. Diese, spiegelbildlich angeordnet, zeigen bei genauem Hinsehen neben zarten Natursujets auch kriegerische Elemente und unterlaufen so das Spielerische des Mediums Papierschnitt. Katia Kunz' (geb. 1970) stille Installation mit Schriftrollen erinnert in den mikroskopisch kleinen, spiegelbildlich geschriebenen Tagebuchtexten an die Mikrogramme des Dichters Robert Walser, während Ron Temperli (geb. 1975) in seinen in Öl gemalten Erinnerungsfotos einen unverstellten Blick auf alte Familiengeschichten wirft.

Kunsthalle mit Grossformaten
Dem eher musealen Ambiente entsprechend, wählten die Kuratoren für die Kunsthalle vorab grossformatig-kraftvolle Malereien aus. Valentin Magaro (geb. 1972) vermag mit seinen mehrteiligen Zeichnungszyklen in Farbstift beziehungsweise Tusche auf Papier indes durchaus zu bestehen. Es sind architektonisch konstruierte, anscheinend einer fernen Sagenwelt entsprungene Figuren, mit denen Magaro seine Geschichten vor unseren Augen ausbreitet.
Besonders gefangen nimmt ein grosses Aquarell von Marcel Gähler (geb. 1969), das, in zarten Grautönen gehalten, einen «Unort», eine Art Abraumhalde mit Plasticplanen und Schuttflächen zeigt. Auf Rebekka Gnädingers (geb. 1982) Doppelporträt eines jungen Mannes in schreienden Farben folgen die Augen des Dargestellten dem Betrachter aus wechselnden Blickwinkeln und scheinen ihn festzunageln. Auch Simone Monstein (geb. 1979) huldigt in ihren beiden flächig-figurativen Bildtableaus einer expressiven Malerei, während Samuel Furrers (geb. 1961) stiller «Wintereinbruch» das stimmungsvoll Unscharfe zelebriert.

 

SUZANNE KAPPELER, Neue Zürcher Zeitung vom 16. Dezember 2010

 

 

 

Ein kleiner Circus Maximus

Der Himmel, in den wir alle kommen möchten, ist für den Maler das Museum. Die Dezemberausstellung kann den Wunsch erfüllen. Der Künstlerkreis ist grösser geworden, der geweihte Ort ist die kleine Kunsthalle.

Wie schon im Vorjahr lädt die Künstlergruppe Winterthur an drei Orten zur Jahresausstellung. In den weitläufigen Kunsträumen des Oxyd in Wülflingen zeigen 28 Künstlerinnen und Künstler Werke aus ihrer aktuellen Produktion, im kleinen Atelier Alexander, ebenfalls in Wülflingen, sind es vier, im musealsten Raum, in der Kunsthalle in der Marktgasse, neun.

Der hohe Raum, die klassische Lichtführung und das Ambiente der Kunsthalle überhaupt haben die Ausstrahlung, welche die knallend freche Farbigkeit der beiden grossformatigen und grosszügig gemalten Interieurs von Simone Monstein (*1979) in musealer Würde zähmen: Den Auftakt hat die Kuratorin der diesjährigen Dezemberausstellung bewusst zum grossen Auftritt der Malerei stilisiert – und das ist nicht ohne Ironie, wo doch die Künstlergruppe «dem Wunsch, sich neuem Kunstschaffen gegenüber zu öffnen» so konsequent wie noch nie nachgekommen ist.

Bewerben konnten sich nämlich neu alle Kunstschaffenden, die einen Bezug zur Stadt haben – eine Einladung, die von der Künstlergruppe als grundsätzliche Öffnung verstanden wird. Im Blick auf die Geschichte der Vereinigung sei das schon als revolutionär zu bezeichnen, sagte am gestrigen Presserundgang dazu Valentin Magaro (*1972), der zum Vorstand der Künstlergruppe gehört und in der Kunsthalle mit zwei Werkgruppen vertreten ist. So sandten neben 35 Mitgliedern der Künstlergruppe und 20 eingeladenen Gästen nun auch 30 weitere Kunstschaffende ihr Dossier ein. Aus den 85 Bewerbungen berücksichtigte die Jury, neben Kathleen Bühler auch Guido Magnaguagno, für die Ausstel-lung 41. Ausjuriert wurden 18 Mitglieder, vier eingeladene Gäste und 22 der weiteren Bewerber.

Kathleen Bühler, Kuratorin der Abteilung Gegenwartskunst in Bern und langjährige Beobachterin der Winterthurer Kunstszene, betonte, dass neben der Qualität auch die Aufgabe, eine «schöne Ausstellung» zu inszenieren, die Auswahl mitbestimmt habe. Von Favoriten ausgehend, habe sie versucht, übergeordnete thematische Zusammenhänge zu schaffen, um dem Eindruck des Sammelsuriums zu entgehen. Dass die regionale Leistungsschau ein Genre für sich ist und ihre eigenen Gesetzmässigkeiten hat, wollte sie aber ebenfalls nicht verleugnen. Als geheimes Motto der Ausstellung versteht sie deshalb die grosse Tusch-und Aquarellarbeit von Pascal Lampert (*1972), der sie die Stirnwand im grossen Raum reserviert hat. Sie verbindet das Wort «Super», ein Bild des Circus Maximus im alten Rom und Streifen im Hintergrund, die als Säulengrafik interpretiert werden können, zu einem ironischen Blick auf die Welt des Wettbewerbs, der Sieger und Verlierer.

Mehrschichtig, mehrdeutig
Weniger leicht durchschaubar ist das Konzept von Rebekka Gnädingers (*1982) Malerei im selben Raum, ein Diptychon mit zwei fast identischen Porträts ganz aus dem Dunkeln heraus, und eine grossformatige Leinwand, auf der gleichsam mehrere Bilder und Techniken übereinandergelegt sind. Hinzu kommen hier Arbeiten auf Papier von Beat Wipf (*1982) zum Thema «Stamm» Indianer sind zu sehen und auf Rituale (der Kunst?) deuten die angesengten Papiere hin.

Klarer fokussiert erscheint der zweite Raum. Hier herrscht selbst im realistischen Ansatz die Reduktion des Schwarz-Weiss bei Marcel Gählers (*1969) Gartenwinkel, bei Samuel Furrers (1961) imposanter Winterlandschaft, bei Lydia Wilhelms (*1975) feinen Tuscharbeiten und bei Oliver Krähenbühl (*1963), der mit dem Silberstift die farbige Realistik seiner Szenen bricht oder verwischt und damit preziöse malerische Wirkungen erzielt.

 

HERBERT BÜTTIKER, Der Landbote vom 4. Dezember 2010

 

 

 

Spurensuche, Ironie und Kartonage

Wie schon vor einem Jahr heisst es, nach Wülflingen zu pilgern, zum einen ins Atelier Alexander, zum andern ins Oxyd, das mit seiner Raumaufteilung als Austragungsort der Dezemberausstellung geradezu prädestiniert ist.

Der Auftakt beginnt mit Erwin Schatzmann (*1954), der zum ersten Mal überhaupt an einer Dezemberausstellung vertreten ist. Vorerst muss er sich mit einem Platz vor dem Eingang begnügen. Seine nicht mehr ganz taufrischen Männer-Albträume namens «Vagina dentata» und «Olga» müssten aufgrund ihres Entstehungsjahr 1996/97 eigentlich in die Rumpelkammer verbannt werden. In ihrer Thematik und formalen Sprache sind sie mit Duri Gallers (*1952) Holzschnitten verwandt, die unter dem Titel «Oh Tannenbaum, wie schön sind deine Blätter» auf einen 2,5 x 2,5 Meter grossen Linolschnitt appliziert sind. Schräg gegenüber hängen die mit Zen-meisterlicher Konzentration gemal¬ten Aquarelle der Trudi Liggenstorfer (1944), die als geistige Resonanzräume aufzufassen sind.

Zögern und grosse Geste
Die überraschendsten Arbeiten, die man im Untergeschoss sieht, stammen von Sabina Gnädinger (*1984) und Rando Morricca (*1974). Die Schwester von Rebekka Gnädinger (vgl. Kunsthalle) präsentiert eine überdimensionale Fasnachtströte, die mit einer selbstgebauten Lüftungsanlage betrieben wird. Neben dieser selbstbewussten Geste wirkt die Malerei von Thomas Rutherfoord (*1956) zögerlich und suchend. Und was für ein Kaliber ist erst recht die Kartonage «Waroom» von Rando Moricca! Mit unglaublichem Fleiss und Konstruktionsverständnis hat der Künstler drei Miniaturanlagen geschaffen, die an Settings von strategischen Videogames erinnern.

Beziehungsgeschichten
Über der Treppe hängt Habib Asals (*1974) Schweizer Karte («Proposal for a Flag»), wo die Kantone (mit autonomem Berner Jura) mit den Flaggen der EU-Staaten besetzt sind. Hier haben wir ein schönes Beispiel, dass Kunst nicht immer selbstreferentiell sein muss. Mit ironischem Unterton gewürzt ist auch das Werk von Eveline Cantieni (*1959). Die scheinbar gehäkelte Spitzendecke mit der Inschrift «Alles wird gut» setzt sich bei näherem Hinsehen aus unzähligen Wundpflastern zusammen. Dazu passen einerseits die drei aus der Oberstammheimer Gerichtslinde geschnitzten Paare von Hans Bach (*1946) und die stimmungsvolle Fotoromanze von Gabriella Hohendahl (*1980). Auf Spurensuche begeben sich Olga Titus (*1977), welche die Lebensräume ihrer getrennt lebenden Eltern auf der Rückseite eines Puppenhauses wieder zusammenführt, und Ron Temperli (*1975), der mit kleinformatigen Ölbildchen uns ins Zeitalter der Polaroidfotografie zurückversetzt. Exquisite Malerei liefert auch sein ehemalige Kompagnon Dominik Heim (*1974). Seine Bilder sprechen jedoch eine ganz andere Sprache, tendieren zur Totalen, zu überbordendem Detailreichtum, zu Grösse – kurzum zur Übertreibung und Überspitzung, während Temperli die Reduktion und das beinahe Verschwinden anstrebt.

Eine Neuentdeckung ist sicherlich Christoph Eisenring (*1983), der Einflüsse des Surrealismus, der Op-Art und der Konzeptkunst zu eigenartigen Gedanken-Bildern verarbeitet. Auch die komplexen Kohlezeichnungen von Monika Krucker (*1965), einer weiteren Newcomerin, bestehen den Einstand und gehen neben den eindrücklichen Radiergummi-Verwischungen von Romana Del Negro (*1968) und dem traumhaften, wandfüllenden Scherenschnitt von Katharina Henking (*1957) nicht unter.

Humor im Sekundentakt
Im Atelier Alexander sind es in erster Linie die Videos von Theres Liechti (*1968), die einen begeistern. Ihre sekundenkurzen Loops («Liebe», «Weggli», «Kaulquappe» usw.) sezieren mit ungemein präzisem, trockenem Humor Allzu(zwischen)menschliches. Wunderbar vor allem das atmende «Weggli», das allerlei Assoziationen bereithält. Bon Appétit!

Die Auslese der eingeladenen Gäste, die durch den Vorstand der Künstlergruppe getroffen und nun durch die Jury bestätigt wurde, lässt hoffen, so das Fazit, dass die frische Brise der «Newcomer» in Zukunft auch durch die Reihen der Künstlergruppe weht.

 

LUCIA ANGELA CAVEGN, Der Landbote vom 4. Dezember 2010

 

 

 

Zu Ehren Heinrich Bruppachers

Im Rahmen der Dezemberausstellung hat die Künstlergruppe ihrem am 15. August verstorbenen Mitglied Heinrich Bruppacher eine kleine Sonderschau eingerichtet. Es handelt sich um eine Gruppe von acht Werken aus den Jahren von 1953 bis 2003, und es geht vom «Grau des tiefen Schlafs» bis zum «Picknick». Heinrich Bruppacher, geboren 1930, wurde 1954 Mitglied der Künstlergruppe und gehörte damals zu den jungen Talenten, die in der Winterthurer Künstlerszene für neuen Wind sorgten. Dafür wurde er auch geehrt, 1979 mit dem Carl-Heinrich-Ernst-Kunstpreis, 1983 mit der Anerkennungsgabe der Stadt Winterthur. Krankheitsbedingt kam sein Schaffen, das Facetten der klassischen Moderne einbezogen und einen Weg über den Tachismus zur konkreten Kunst gegangen war, in den 90er-Jahren fast zum Erliegen. Dennoch gelang es ihm, in den letzten Jahren sein Lebenswerk mit kleinformatigen, leisen Arbeiten abzurunden. Im letzten Mai erlebte er noch eine umfassende Retrospektive seines Schaffens im Oxyd.

 

RED, Der Landbote vom 4. Dezember 2010