oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 46

23.10. – 21.11.2010

Pierre Haubensak | Oliver Krähenbühl | Bernard Tagwerker | Judit Villiger | Maya Vonmoos | Hugo Weber

«Boogie Woogie – NY, NY»

Schweizer Kunstschaffende in New York
Kuratorin: Gabriele Lutz

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

Zahlreiche europäische Künstler fanden im Verlauf des 20. Jahrhunderts in New York eine neue Heimat, auf Zeit oder Lebzeit, und haben in ihrem Schaffen auf die neue Umgebung reagiert. Piet Mondrian, der während des 2. Weltkriegs nach New York emigriert war, fand in seinem späten Meisterwerk «Broadway Boogie Woogie» zu einer grossartigen malerischen Umsetzung für den Rhythmus der Grossstadt und die Kultur des amerikanischen Jazz. Die Ausstellung ist von Mondrians Bildtitel inspiriert und präsentiert sechs Schweizer Künstlerinnen und Künstler, die sich zu unterschiedlichen Zeiten in New York niederliessen und dort während eines kürzeren oder längeren Aufenthalts entscheidende Impulse aufnahmen, die ihr Schaffen nachhaltig prägten: Pierre Haubensak (geb.1935), Oliver Krähenbühl (geb. 1963), Bernard Tagwerker (geb. 1942), Judit Villiger (geb. 1966), Maya Vonmoos (geb. 1953), Hugo Weber (1918 – 1971).

Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler sind Vertreter verschiedener Generationen und sie sind zu unterschiedlichen Zeiten nach New York gereist, haben an unterschiedlichen kulturellen und künstlerischen Strömungen partizipiert und darauf auf ihre individuelle Art reagiert, in so unterschiedlichen Medien wie Malerei, Zeichnung, Fotografie, Plastik und Computer animiertem Film.

Zur Ausstellung erscheint das gleichnamige Buch «Boogie Woogie – NY, NY Schweizer Kunstschaffende in New York». Ein kunsthistorischer Text führt in die Thematik ein, einer Geschichte der Präsenz von Schweizer Kunstschaffenden in New York seit dem frühen 20. Jahrhundert. Für zahlreiche Künstlerinnen und Künstler bewirkte dieser Aufenthalt eine Transformation in ihrer Arbeit, die auch nach der Rückkehr in die Schweiz weiterwirkte. Dieser Aspekt steht im Zentrum des Buches und der begleitenden Ausstellung. Der Schweizer Schriftsteller Christoph Keller (geb.1963), der seit vielen Jahren in New York lebt, hat für diese Publikation einen Essay geschrieben zum Thema der transformativen Kraft New Yorks.

Das Buch erscheint im alataverlag Winterthur. Preis: CHF 38.–
Herausgeberin: Gabriele Lutz

  • Tagwerker

    Tagwerker, «ohne Titel»

  • Weber

    Weber, «Temple»

  • Villiger

    Villiger, «Jardin des plantes»

  • Vonmoos

    Vonmoos, «Cosmic Dust Nr.1» (Filmstill)

  • Krähenbühl

    Krähenbühl, «Water Street»

  • Haubensak

    Haubensak, «Manhattan Verticals (N.Y.)»


Pressestimmen

 

Zuflucht und Inspiration

Sechs Schweizer Künstler in New York – und jetzt in Winterthur

New York als temporärer Wohn- und Ausbildungsort hat die Arbeit diverser Schweizer Künstler immer wieder entscheidend verändert und weitergeführt.
«Broadway Boogie Woogie» – nach einem späten Meisterwerk des im Zweiten Weltkrieg nach New York emigrierten Künstlers Piet Mondrian (1872 bis 1944) nennt die Kuratorin Gabriele Lutz ihre Ausstellung in den Kunsträumen des Oxyd in Winterthur. Ähnlich wie Mondrian für den Rhythmus der Grossstadt eine kongeniale Umsetzung in seinem Bild fand, liessen sich die sechs Kunstschaffenden von der transformativen Kraft New Yorks inspirieren und nahmen in ihren kürzeren oder längeren Aufenthalten prägende Impulse für die künstlerische Entwicklung auf.

Vom Plastiker zum Maler
Bewusst wählte die Kuratorin Künstler aus, die sich aus eigener Initiative für eine gewisse Zeit – von sieben Monaten bis neun Jahre – in New York aufhielten, und klammerte die Atelierstipendiaten aus, von denen es allein aus Zürich seit 1976 über achtzig gibt. In ihrem ausführlichen Katalogtext zeichnet Lutz die Wege von Schweizer Kunstschaffenden von den frühen New-York-Emigranten Fritz Glarner (1899–1972), Rudy Burkhardt (1914–1999) und Hugo Weber (1919–1971) bis zu jüngeren Künstlern wie Not Vital, Olivier Mosset und andern nach. Über ihr Erlebnis New York berichten diese in Interviews als Klammer zwischen den in der Ausstellung versammelten Künstlern.
Das Werk des Basler Bildhauers Hugo Weber bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung. Dieser emigrierte 1946 in die USA, knüpfte von Chicago aus enge Kontakte nach New York und sagte sich bald von der für ihn erstarrten, statischen Bildhauerei los. Er wurde so zum Maler eines rhythmisch-dynamischen Stils. Unter dem wegweisenden Titel «Vision in Flux» präsentierte Weber 1951 in Colorado Springs einen ersten bedeutenden Werkzyklus. Ein auf DVD überspielter 16-mm-Film aus den Jahren 1951–55 zeigt in schwindelerregenden Aufnahmen Webers aus der Bewegung heraus entstandene Malereien. Gemälde in Schwarz, Grau und Blau thematisieren den jazzig ungestümen Fluss der Metropole.
Acht Jahre hielt sich Pierre Haubensak (geb. 1935) ab 1969 in New York auf, nachdem er bereits in den 1950er Jahren in Basel die amerikanischen Maler des abstrakten Expressionismus kennengelernt hatte. Neben den «Manhattan Verticals», grossen Leinwänden mit strenger Pinselschrift, überzeugen die neuen «Cityscapes» und «Crosslines», die das Strenge zugunsten einer transparenten Verspieltheit weiterentwickeln.

Computergenerierte Arbeiten
1976 emigrierte Bernard Tagwerker (geb. 1942) für neun Jahre nach New York. Inspiriert von der Musik John Cages, entdeckte er in New York den Computer als Zufallsgenerator und eignete sich das Programmierhandwerk an. Seine auf eingefärbte Leinwand oder auf Barytpapier geplotteten Bilder wirken in ihren fein verästelten Strukturen wie von Hand gezeichnet oder von malerischer Schärfe. Besonders der Robert-Walser-Zyklus für die psychiatrische Klinik Herisau überzeugt.
Einen noch radikaleren Bruch vollzog Maya Vonmoos (geb. 1953) in ihren New Yorker Jahren, wandelte sie sich doch von der Eisenplastikerin zur Künstlerin des computeranimierten Filmes. «Cosmic Dust» heisst ihre sinnliche Arbeit, in der es um die Verknüpfung der immateriellen mit der materiellen Welt geht. Ihre Gitterstrukturen, Farben, Figuren und Tiere schweben durch den Raum und versinnbildlichen das aus Jahrmillionen altem Sternenstaub bestehende Universum.

 

SUZANNE KAPPELER, Neue Zürcher Zeitung vom 8. November 2010

 

 

 

Die gestaltende Kraft einer Grossstadt

New York ist eine beliebte Destination bei den Schweizer Kunstschaffenden. Wie inspirierend der Big Apple sein kann, zeigt die aktuelle Ausstellung im Oxyd.

Mit dem Titel «Boogie Woogie – NY, NY» erweist Gabriele Lutz, Kuratorin der Ausstellung im Oxyd, Piet Mondrian die Referenz. Mondrian verliess 1940 Europa und schuf mit seinem Bild «Broadway Boogie Woogie» (1942/43) eine Hommage an seine neue Heimat und ihre Musikszene.

Mit Hugo Weber (1918–1971), Pierre Haubensak (*1931), Bernard Tagwerker (1942), Maya Vonmoos (*1953), Oliver Krähenbühl (*1963) und Judit Villiger (*1966) werden nun im Oxyd sechs Schweizer Künstlerinnen und Künstler präsentiert, die zwar nicht ausgewandert sind, jedoch während Monaten oder gar Jahren in New York gelebt und gearbeitet haben. Die Frage nach der transformativen Kraft des melting pot stand bei der Werkauswahl im Zentrum. Die Ausstellung beginnt mit filmischem Rohmaterial aus dem Nachlass von Hugo Weber, der bereits 1946 in die USA auswanderte, um am New Bauhaus in Chicago zu lehren. Im Kabinett ist er mit einer kleinen, aber feinen Auswahl an Gemälden vertreten, die exemplarisch für seine dynamisch-bewegte Bildsprache («Vision in Flux») stehen.

Gitter und Kraftlinien
Auch bei Oliver Krähenbühl, der im Jahr 2002 sieben Monate lang um die New Yorker Hochhäuser zog, geriet die Wahrnehmung in Fluss. Er kaufte sich vor Ort eine Digitalkamera, um den steil aufragenden, scheinbar in den Himmel reichenden Fassaden optisch gewachsen zu sein. In der Ausstellung hängen die Fotografien paarweise mit grossformatigen Kohlezeichnungen, wo sich die Gitterstruktur der Fassaden mit den Kraftlinien des beschleunigten Lebensrhythmus überlagern. Verwandte, eher flechtwerkartige Strukturen finden wir bei Pierre Haubensaks Serie Cityscape, die allerdings nicht während seines New Yorker Aufenthalts von 1969 bis 1977 entstand, sondern erst im Jahr 2002. In New York rezipierte Haubensak die Color-Field- und Hard-Edge-Painting. Ein schönes Beispiel dafür ist seine vierteilige Arbeit «Four Gates» (1970), deren Panele mit einer Haupt- und einer Nebenfarbe wie Gongschläge den Raum in Vibration versetzen.

Im Obergeschoss trifft man auf Werke, die man als tachistisch bezeichnen würde, wüsste man nicht, dass sie weniger ein Produkt subjektiver Expression als vielmehr des (objektiven?) Zufalls sind. Bernard Tagwerker, der von 1976 bis 1985 in New York ansässig war, beschäftigte sich schon früh mit rechnerischen Systemen. Bevor er selber zu programmieren begann, verwendete er Zahlenraster, um seine «Konstellationen» (1977/78) nach der Zufallsmethode zu schaffen. Über die Linienführung entschied das Los, und die Wahl der Farbe traf der Würfel. Heute arbeitet Tagwerker mit neuronalen Systemen (solche, die nicht hinzulernen, sondern vergessen), und die «handwerkliche» Ausführung erbringt der Plotter.

Als Judit Villiger von 1996 bis 2000 in New York weilte, waren ihre Oasen Parkanlagen, aber auch Museen, wo sie die Tiere ausgestopft vorfand. Über die kultivierte und konservierte Natur fand sie zur künstlichen Natur. «Jardin des Plantes» (2010) ist eine Auslegeordnung «organischer» Formen aus Polyurethanschaum, der wie die Natur selbst einem Verfallsprozess unterworfen ist.

Wissenschaftliches Interesse an Formbildung und -auflösung ist auch bei Maya Vonmoos eine wichtige Triebkraft. Ihre Animation «Cosmic Dust» (2010) veranschaulicht die Theorie, wonach Sternenstaub sich zu Materie formt und wieder zerfällt. Das Medium der Computeranimation erarbeitete sich Maya Vonmoos während einer Auszeit in New York (1993–2002). Ihre lasergesinterten Gitterobjekte knüpfen an ihr früheres Schaffen als Eisenplastikerin an.

Vertieften Einblick in die Erfahrung New York aus Künstlersicht bietet der Katalog. Mit «Boogie Woogie – NY, NY» ist ein spannendes Kapitel Schweizer Kunstgeschichte aufgeschlagen worden.

 

LUCIA ANGELA CAVEGN, Der Landbote vom 23. Oktober 2010

 

 

 

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