oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 41
5.12.2009 – 10.1.2010
Dezemberausstellung
Künstlergruppe Winterthur und Gäste
Im oxyd sind Werke zu sehen von: Georg Aerni, Irene Curiger, Gregor Frehner, Werner WAL Frei, Andreas Fritschi, Marcel Gähler, Dominik Heim, Katharina Henking, Nicola Jaeggli, Werner Ignaz Jans, Katja Kunz, Tom Lang, Theres Liechti, Trudi Liggenstorfer, Simone Monstein, Christine Müller, Vera Ida Müller, Thierry Perriard, Corina Rüegg, Christian Schwager, Theo Spinnler, Erna Weiss
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Zur Austellung
Die Künstlergruppe Winterthur vereinigt bildende Künstlerinnen und Künstler der Region und umfasst Zurzeit rund 60 Mitglieder verschiedensten Alters und Stilrichtungen. Seit ihrer Gründung 1916 findet ihre in der Winterthurer Gesellschaft fest verankerte Dezemberausstellung im Kunstmuseum Winterthur statt. Die zweijährige unbaubedingte Schliessung des Kunstmuseums Winterthur hat diese traditionsreiche Jahresausstellung der Künstlergruppe Winterthur vorübergehend heimatlos gemacht. Deshalb organisiert sie diesen für die Winterthurer Kunstszene wichtigen Anlass selbst. Dieses Jahr ist sie wiederum zu Gast in den Kunsträumen oxyd, sowie in der Kunsthalle Winterthur und im Atelier Alexander. Zusätzlich findet in der RW Fine Art Collection Limited eine Gedenkausstellung für den kürzlich verstorbenen Henri Schmid statt.
--> Presseartikel Landbote 5.12.2009
Pressestimmen
Die Weltraumfahrt im Atelier
Wie weit die Flüge der Winterthurer Kunstschaffenden führen, zeigt sich jeweils an der Dezemberausstellung der Künstlergruppe. Heute wird sie eröffnet.
Nicht gerade eine Fahrt durch den Weltraum, aber quer durch die Stadt müssen die Kunstfreunde unternehmen, wenn sie den Überblick über die ganze Dezemberausstellung 2009 gewinnen wollen. Sie ist dieses Jahr - das Kunstmuseum ist wegen der Renovationsarbeiten noch immer geschlossen - auf drei oder gar vier Orte verteilt, nämlich die Kunsthalle in der Marktgasse, das Oxyd und das Atelier Alexander in Wülflingen sowie die Fine Arts Collection an der Pflanzschulstrasse. Hier ist eine Retrospektive des in diesem Jahr verstorbenen Künstlers Henri Schmid zu sehen, der Mitglied der Künstlergruppe und lange Jahre ihr Präsident war. Statt ihm eine eigene kleine Hommage zu widmen, bindet die Künstlergruppe die Galerie in ihren Parcours ein.
Drei Orte, drei Gastgeber und drei Ausstellungen lautet die Formel diesmal für den gemeinsamen Auftritt der regionalen Künstlerschaft, der ohnehin nur schwer als Einheit auszugeben ist. Sechs Künstlerinnen und Künstler bewarben sich um die Teilnahme, zwei wurden zusätzlich zum Mitmachen animiert. Die Gastgeber verteilten darauf Einladungen an diejenigen, die sie bei sich haben wollten. Um Einzelne stritten Oliver Kielmayer (Kunsthalle), Alexander Breu (Atelier Alexander) sowie Simona Ciuccio, Astrid Näff und Peter Grüter (Oxyd) auch ein wenig, dafür blieben andere links liegen. 105 Arbeiten von 39 Künstlern sind jetzt zu sehen: Zwölf sind in der Kunsthalle, 22 im Oxyd und fünf im Atelier Alexander verteten.
Da nicht Werke juriert, sondern Gäste eingeladen wurden, ohne dass sich die Gastgebe über Kriterien für die einzelnen Orte abgesprochen hätten, zeigt sich an drei Orten das charakteristische Bild einer Jahrespräsentation, mit anderen Worten Vielfalt, sinnvoll geordnete oder auch beliebige. Es sei nicht seine Idee gewesen, streng zu kuratieren, sondern der regionalen Künstlerschaft eine Plattform zu bieten, meinte Kielmayer am Presserundgang zu seinem Vorgehen für die Kunsthalle.
Neue Bilder von Thomas Rutherford und Oliver Krähenbühl, ein Kuhbild von Rebekka Gnädinger, abstürzende Malerei von Beat Wipf und verfliessende von Surab Narmania gibt es in der Kunsthalle deshalb ebenso wie das Dokument eines sozialen Experiments von Vincent Hofmann und Hansueli Nägeli, Fotografie von Vanessa Püntener, Zeichnungen von Elen Rolih und Rafael Grassi-Hidalgo oder eine Briefserie von Mia Diener an «Liebe Freunde» - zum Verweilen oder Mitreisen: zum Beispiel im Raumschiff von Olga Titus, dessen Fahrt zwar nicht in die Weite des Alls, aber immerhin ins Universum kindlicher Fantasie führt. Das piepsende Vehikel zeigt auch, dass die Dezemberausstellung kein abgehobenes Event ist.
HERBERT BÜTTIKER, Der Landbote vom 5. Dezember 2009
Stinkberg, Eisschmelze, Stecknadeltorso
In den Kunsträumen Oxyd dominiert die visuelle Opulenz - die aber klug und atmosphärisch inszeniert ist. Kurz: die reinste Augenweide.
Astrid Näff, Simona Ciuccio und Peter Grüter hatten im Oxyd wahrlich keine leichte Aufgabe, die Arbeiten der von ihnen ausgewählten Künstlerinnen und Künstler zu einer überzeugenden Ausstellung zu gruppieren. Anders als vergangenes Jahr, als das Oxyd alleiniger Schauplatz der Dezemberausstellung war, hatten die drei jedoch diesmal «lediglich» 23 statt fast vierzig Kunstschaffende unter einen Hut, bzw. ein Dach zu bringen. Den Platzgewinn haben sie denn auch gut genutzt, haben sie dies Jahr mehr grossformatige Werke ausgewählt, die letztes Jahr keine Chance auf Berücksichtigung gehabt hätten.
Das weiträumige Untergeschoss hat das Kuratorenteam für Installationen genutzt, das Erdgeschoss, das in mehrere kleinere Räume aufgeteilt ist, gehört eher den zweidimensionalen Werken. Am Eingang im Keller dann gleich eine Einstimmung in die ganze Vielfalt mit Theo Spinnlers computergenerierten Bildsequenzen, Andreas Fritschis Riesen-Taburett mit Wasserglas und Farbtube neben der Newcomerin Simone Monstein mit ihren grossen, farbintensiven Gemälden.
Verschiedenartige Ströme
Einen Gegenpol bildet der anschliessende Raum, der thematisch um drei beleuchtete Sandsteinfindlinge mit Elektrotableau von Gregor Frehner organisiert ist. In diesem Raum ist alles im Fluss, am radikalsten wohl Erna Weiss’ (w)eis(s)blöcke aus Eis, die den Weg alles Gefrorenen in klimatisch unkorrekten Räumen gehen werden - nämlich den Bach hinab.
Ein vielschichtiges Highlight ist das «Frauenzimmer» im Erdgeschoss. Da trifft ein Mädchen mit Morgenstern auf einer Kohlezeichnung von Katharina Henking auf ein textiles, anatomisches Gewand von Barbara Graf - daneben steht von Katja Kunz (auch sie erstmals Gast der Künstlergruppe) ein Torso, dessen Innenseite gespickt ist mit Stecknadeln. Drei «weibliche» Arbeiten, die mit ihrer untergründigen Anspielung auf Gewalt und Grausamkeit ebendiese «Weiblichkeit» ad absurdum führen.
Ausnahmsweise darf man aber auch mal schmunzeln: Christian Schwagers gefilmte Satire «Stinkberg III» wirft ein überraschendes Licht auf Dominik Heims Gemälde gleich daneben. Heim vereint einzelne Bildmotive aus dem Internet zu einem wilden Bilderreigen und veräppelt den visuellen Trash aus dem World Wide Web durch dessen ironische Übersetzung in Ölfarbe.
Schauplatz mit Charakter
Auch wenn die Bespielung nicht ganz überall funktioniert (Tom Langs Video- und Toninstallation wirkt neben den kraftvollen Holzfiguren von Werner Ignaz Jans etwas schwach): Den drei Kuratoren ist es gelungen, im Oxyd einen Schauplatz mit eigenem Profil und unverkennbarer Handschrift zu gestalten. Genau so stellt man sich eine Dezemberausstellung vor: Sie gibt einen repräsentativen Querschnitt durch das Kunstschaffen und bietet einen Augenschmaus ohne anschliessendes visuelles Übersättigungsgefühl.
CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 5. Dezember 2009
Und siehe, der Mensch
Im Atelier Alexander setzen sich fünf Positionen mit einer der grössten thematischen Herausforderungen der Kunst auseinander: dem Menschen.
Was ist der Mensch? Wer ist der Mensch - und wenn ja, was treibt ihn an? Alexander Breu hat fünf ganz unterschiedliche Positionen für die Ausstellung ausgewählt oder anders formuliert fünf Künstler, deren Werk um das Thema Mensch kreist.
Da sind zunächst die Arbeiten von Valentin Magaro (*1972), der mit Tuschzeichnungen und Acrylbildern vertreten ist. Seine radikal reduzierten, streng geometrisch konstruierten Figuren kontrastieren mit den kleinformatigen, meist schwarz und weiss gehaltenen Gemälden Ron Temperlis (*1975). Seine Arbeiten kreisen eher um die Erinnerung als um den Menschen als unmittelbares Sujet. Mit den Holzschnitten von Duri Galler (*1952) und den Gemälden Victor H. Bächers (*1933) stehen sich zwei Analytiker unterschiedlichster Prägung gegenüber. Während Bächer nach den äusseren Triebfedern des Menschen fragt, thematisiert Galler die eigene Biografie und Psyche. Sexualität als vitale Kraft spielt bei beiden eine Rolle - in Bächers mit kräftigen Farben gemalten Figurenbildern dominieren Sex, Öl und Fussball den Menschen, bei Galler sind es die nackten Trie- be. Spannend auch seine Installa- tion mit Holzdrucken und dem Holzrelief, das einen auf den Kopf gestellten Gekreuzigten zeigt. Umgeben ist die Figur von Parolen der 68er-Bewegung, deren Umsetzung in die Hölle führt.
Als Gegenposition präsentieren die schlichten Holzskulpturen und -schnitte von Hans Bach (*1946) den Menschen in sich ruhend und ohne eine Wertung seitens des Künstlers.
Der grosse mediale Bogen der fünf Positionen ist erstaunlich: Da gibt es Malerei, Skulpturen und Druckgrafik in unterschiedlichster Ausführung. Die thematische Eingrenzung, die Alexander Breu vorgenommen hat, tut der kleinen Ausstellung aber gut. Ihm gelingt es, durch inhaltliche Brücken die disparaten Positionen zu einem in jeder Hinsicht stimmigen Ganzen zusammenzuführen.
CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 5. Dezember 2009