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oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 4023.10. – 22.11.2009
Attilio Zanetti Righi«Attilio Zanetti Righi – AZR»
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Zur Austellung
Seit Jahren waren in der Schweiz keine Ausstellungen von AZR mehr zu sehen. In den Kunsträumen oxyd zeigt der Künstler nun die Essenz seines langen Künstlerlebens. Es ist eine radikale Reduktion auf das Wesentliche. Strenge geometrische Formen, ausgewogen, in sich stabil, aber trotzdem immer in spielerischer Bewegung und räumlich klar definiert. Die kräftigen und oft sehr eindringlichen Farben wirken auf die Betrachter zuweilen irritierend und auch sehr provozierend. AZR entwickelt heute eine von äusseren Einflüssen völlig unabhängige Bildwelt. Ergänzt wird die Ausstellung von AZR durch einige Arbeiten aus früheren Jahren. Sie waren figürlich, realistisch, psychologisch – eine Malerei von der er sich inzwischen komplett abgewandt hat. Diese Bilder sollen als Reminiszenz auf den Weg hinweisen der zum heutigen, auch dem Künstler, sehr wichtigen Spätwerk geführt hat.
Vernissagerede, 23. Oktober 2009, oxyd Kunsträume, Winterthur
Verehrte Veranstalter, Liebe Kunstfreunde und Freundinnen von Oxyd, Lieber Attilio,
Ein Fest soll sie werden, diese Vernissage, von, für und mit Attilio Zanetti Righi. Darauf hat er Wert gelegt, als wir uns trafen und ich nach dem Begriff suchte, nach einem Sammeldach für diese weitgefächerte und gleichzeitig streng geordnete Ausstellung, die ein Lebenswerk in seiner Essenz zeigt, und nicht in seiner Chronologie. Ein Fest aber redet nicht in Begriffen; auch von einer Retrospektive will er nichts wissen, nach wie vor vitale Gegenwart, dieser Künstler und seine Kunst. In Bewegung alles, und gerade die Unrast eine Quelle für jenen Jüngling, der mit hungrigen Augen auszog, um in der Mittelmeerkultur seine Wurzeln zu suchen. Nicht die Systematik einer Schule wählt er, keine Gruppe wie etwa die Zürcher Konkrete, die ihm durchaus entspräche, noch Schweizer genug, um in seinem Schaffen Präzision, Liebe zum Detail, um nicht zu sagen, das Grosse im Kleinen anzusteuern. Eher verhält es sich umgekehrt. 1 Es heisst, viele Wege führen nach Rom, doch für diesen Tessiner, der in Schaffhausen aufwuchs, scheint es nur einen zu geben: die Direttissima; man könnte auch sagen, da macht einer den Salto aus der Munotstadt in das Land der alten Meister, ihnen bleibt er treu. Vor allem in seinen Wandbildern – eins davon ist unweit von hier beim Bahnhof zu sehen, - pocht er darauf, das lombardische Kunsthandwerk zu tradieren. Auf nach Florenz, nach Arrezzo und die Toscana, dann als Stipendiat in die lateinische Metropole, deren unterste Schicht ihn am meisten interessiert. Später ist es Apulien und seine archaischen Stätten, Rom immer wieder, bis er definitiv in der ewigen Stadt ankommt. Die Schweiz bleibt jedoch Schwerpunkt seiner Ausstellungstätigkeit. Und so ist es schliesslich die Transversale, welche die Spannung, auch die soziale, zwischen Norden und Süden generiert, aus dem die produktive Existenz für ein Leben entsteht. Die Voraussetzung dafür, und das ist vielleicht die grösste Leistung: sein Alleingang in der Kunst. Im Formenschatz der Antike sucht der junge Mann die eigene Handschrift, und dabei ist Manier kein Schimpfwort, wie es für manchen Puritaner der Epoche eins war, sondern die Tragfläche, von welcher die Linie, die Zeichnung abheben kann. Und während seine Jahrgänger in Scharen nach Paris pilgern, bis in die späten Fünfzigerjahre noch das Mekka der Kunst, studiert Attilio Zanetti das römische Mosaik und gräbt sich bei den Etruskern in die Vertikale, weil es, und das ist wichtig, in der Vertikale immer gleichzeitig ein Oben gibt: das Gestirn am Firmament muss sichtbar bleiben, selbst wenn er ihm den Rücken kehrt, um sich weiter in die Tiefe zu tasten, zu bohren, bis er auf den Vorfahren der Urzeit stösst, diesen bulligen, nicht unsympathischen, aber keineswegs harmlosen Hominiden, den wir im ersten Stock besichtigen können. Der Wettlauf gegen die Vergänglichkeit: ein grosses Thema, nicht erst seit Albrecht Dürer: darin wird er Meister, ein Virtuose der Unaufhaltsamkeit, der sein Kraftwerk antreibt, um die Zeit zu zerpixseln, aufzulösen, bis Farbe und Form gleichzeitig sind. 2 Aber soweit sind wir noch lange nicht, vorerst hat der junge Zanetti viel zu viel zu erzählen, von der Polis und ihren Masken, und der Theatralik des alten Rom. Ein Fuder von Mythologie, bis auf die Groteske hin angelegt, hat seine begabte Hand zu bewältigen, und darin trohnen die Mütter und Musen, die ihn nähren, und er, ganz Künstler, dankt es ihnen durch ihre malerische Überhöhung. Da ist aber der Kopf, immer der Kopf, in dem die Bilder sich türmen, phantastische Kopfgeburten suchen ihn heim. Das hat seinen Grund. Denn, und das ist weit mehr als eine Anekdote, als der frischgebackene Maler den Experten der Akademie in Florenz sein Abschlussbild präsentieren soll, fehlt seiner Figur sprichwörtlich die Haupt Sache. Si manqua la testa, schreibt der Prüfling dazu. Und so wird gewissermassen ein Paradox zu seinem zentralen Motiv. Denn wenn schon der Kopf fehlt, muss die Sache genannt Malerei doch eine Nase haben, und ein Profil, und sei es doppelgesichtig, schemenhaft, sogar im Negativ einer dunkeltonigen Palette. Er arbeitet in allen Techniken so lange und ausdauernd, bis aus diesem Kopf ein Kreis und aus dem Hals ein Trapez geworden ist. Und die Bilderzählung den Grundformen der Geometrie platzmacht. Und jetzt sprechen die Farben. Wie frisch gewaschen und ganz primär. Ein Blau aus der Tiefe, man denkt an Yves Klein und das Blau an sich. Elektrisierend dann das Gelb, und das Rot jetzt so intensiv, dass es blendet. 3 Wer Attilio Zanetti kennt, weiss, dass die Begegnung mit ihm sozusagen ins All vorstösst, in sein Künstlerall, das er sich immer neu schafft, dieser unermüdliche Augenmensch und Flanierer, der nie zum Pendler wurde, sondern immer ein Staunender blieb. Und das ist das Schöne an seinem Hin- und- Her, dass es nie zur Routine wurde. Wo dieser Künstler auch hinkommt, ist Ankunft, und er ist da, und der Besucher wird Gast, wenn nicht gar Teilnehmer an der Entstehung des Werks, Man staunt über Umfang und Dimension, die es annimmt, und selbst eine Einzimmerwohnung in Wipkingen, - sein Zürcher Domizil - wächst darüber zur Kathedralenhöhe empor. Der Fabulierer ist in die Fläche gegangen, stellen wir fest, aber eine, die es in sich hat. Treten wir näher, erkennen wir die feinen Abstufungen, die nuancierte Textur der Leinwand, da oder dort einen Schlagschatten, der die Plastizität stützt. Weiss und Silber, viel Grau und Schwarz bilden die Basis, dienen aber auch als Markierung und Strukturelement, oft ist es ein ziselierter Raster, oder dann ein Signal, ein mächtiger Balken, der in die Farbe schiesst, die schimmert, changiert, je länger man in sie hineinschaut, und auf einmal ist dieses Rot beinahe zurück in Pompei. Das kann kein Zufall sein. Pompei, eine geballte Ladung Kult und Kultzerstörung, das war lange Zeit das Magma seines Schaffens. Rot ist ja, wie wir wissen, viel mehr als eine Farbe, es ist ein Symbol- für die grossen Menschheitsentwürfe, für den Herzschlag einer Malerei, die das Gespräch auf Augenhöhe sucht. 4 Und wie war das mit Byzanz? Mit der Ikonenmalerei, die ihn geläutert habe, wie die Fama geht? Die Selbstbescheidung entspricht ja nicht seinem Naturell, das keineswegs bei den Platonikern wohnt, und einst gar zur Verschwendung neigte. Und so darf man Byzanz, sein Byzanz als ein Stichwort nehmen, für den radikalen Tauchgang zu den Elementen der Geometrie. Und für den Verzicht, den er gefordert haben mag, von dem er nicht spricht. Es muss Schwerarbeit gewesen sein, sich vom Gewicht der Inhalte zu lösen, die noch längst nicht erschöpft sind. Es war ein Risiko, denke ich, die gelenkartige Mechanik zuzulassen, die sich eines Tages querlegt zur Figuration, als seien Roboter am Werk, die angreifen, Aggressoren, die sich über seine Nachtschattengeschöpfe hermachen, an ihnen rütteln, sägen und fräsen, bis sie fort sind. Verschwunden. Dennoch, und darauf beharrt er, sei das kein Abschied, weder vom erzählstarken Frühwerk noch von den reifen Künstlerjahren, die es mit jedem Konfliktstoff aufnahmen. Dass dabei nichts verloren geht, dafür garantiert, wir erinnern uns, seine Planetenbahn, und er darauf seine Bilder wie Sippenmitglieder um sich schart, damit sie bei ihm bleiben. Der Kunst ist alles Gegenwart, eine Einsicht, für die man nicht die Wittgensteinsche Pilosophie zu bemühen brauchte, aber er liebt sie, besteht auf seinem Chefdenker. Er ist ja auch ein süchtiger Leser, und aus der Lektüre erfindet und buchstabiert er sein eigenes Alphabet. Hingegen, und das betone nun ich, ist es der Homo ludens in ihm, der uns seinen Fund zeigen will, sogar auf dem Plakat der Einladung. Denn ohne diesen Kobold und das Spiel, das er treibt, mit sich und mit uns, wäre dieser Alleingang in der Kunst nicht auszuhalten, nicht zu ertragen gewesen, Und so danken wir es dem kindlichen Einfall, der ihn gelegentlich juckt, dass hier ein Puer Eternus vor uns steht, ein Jüngling mit weissem Haarschopf, in Personalunion mit seinem Werk. Dass er uns nun zu seiner Tafelmalerei bittet, ist wörtlich zu nehmen. Das eigens für diese Ausstellung geschaffene Wandbild erhält man auf Bestellung al fresco, am Meter für den Eigenbedarf. Was kann sich ein Haus wie dieses, das die Sammlerinnen, Kenner und Freunde der Kunst, mithin die Connaisseure der Sinnenfreude zusammenführt, besseres wünschen? Wir danken dir, lieber Künstler, und all deinen Helfern, Helferinnen, den familiären und offiziösen, für diese grosse Arbeit. Sie ist uns Geschenk
Isolde Schaad
Isolde Schaad, geb. 1944, ist Schriftstellerin und lebt in Zürich. Sie verfasste zahlreiche Porträts, Aufsätze und Reden zu Kunst und KünstlerInnen, unter anderem auch zum Werk Attilio Zanettis. Nicht zuletzt aber über ihren Künstlervater Werner Schaad (1905 – 1979), der zu den Schweizer Surrealisten der ersten Stunde zählt. Im kommenden Jahr erscheint ihr neuer Roman Robinson und Julia, wie alle ihre Bücher im Limmatverlag, Zürich.
Film zur Ausstellung ->
Pressestimmen
Vom Schalk im rechten Winkel
In den Oxyd-Kunsträumen kann man dem Künstler Attilio Zanetti Righi begegnen. Die Ausstellung zeigt die Essenz eines langen künstlerischen Prozesses, der von der figurativen Malerei zu einer Art Körperalphabet führt.
«Alt zu werden, muss etwas Schönes sein», sagt der Künstler Attilio Zanetti Righi - und schmunzelt -, «das dachte ich jedenfalls, als ich noch jung war.» «Ich stellte mir vor, man beginnt irgendwie streng, beispielsweise konstruktiv oder abstrakt und wird im Alter mild und barock», erklärt er, und der Schalk sprüht aus seinen Augen. Dass der 1929 geborene Künstler, der sich gerne hinter dem Kürzel AZR verbirgt, genau den entgegengesetzten Weg gegangen ist, davon kann man sich in der neuen Ausstellung in den oxyd-Kunsträumen überzeugen. «Ich bin ein Nomade», erklärt er, wenn er sich selbst charakterisieren muss. Der schlichte Satz bringt sein Leben wie sein Schaffen in jeglicher Hinsicht auf den Punkt, sein italienischer Name kontrastiert mit einem unüberhörbaren Ostschweizer Dialekt, den er seit seiner Jugendzeit in Schaffhausen beibehalten hat. Als Zwanzigjährigen zog es ihn nach Italien, heute pendelt er zwischen zwei Familien und Ateliers, zwischen Italien und der Schweiz hin und her. «Hier auszustellen ist ein wenig, wie nach Hause zu kommen», sagt er, der fast ein Jahrzehnt in Winterthur gelebt hat. Einigen wird er noch in Erinnerung sein, hat er doch hier zwischen 1979 und 1981 Wandbilder für die Winterthurer Filiale der Zürcher Kantonalbank realisiert. Auch künstlerisch hat AZR einen weiten Weg zurückgelegt. Fast 30 Jahre lang malte er figurativ, bis er seine heutige Formensprache fand. Die Ausstellung wurde von Roberto Della Pietra kuratiert, einem Freund und Schüler des Künstlers. Della Pietra hat weniger eine Retrospektive als eine Gegenüberstellung gestaltet, die den ganzen Spannungsbogen der künstlerischen Ausdrucksweise zur Geltung kommen und Vergangenheit und Gegenwart in einen Dialog treten lässt. Den Auftakt im Untergeschoss der Kunsträume bilden denn auch neuere Werke, den Abschluss die figurativen in einem separaten Raum im Erdgeschoss - so schliesst sich das Lebenswerk zu einem Kreis, vor dessen Hintergrund die frühen Werke nicht einfach als Debüt, sondern als ebenbürtige Dialogpartner auftreten. Zanettis Farbpalette ist reduziert - und dennoch von immenser Strahlkraft. Rot, Gelb, Blau - Farben, die bereits im Werk Piet Mondrians eine wichtige Rolle spielen - Zanetti geht aber darüber hinaus und lotet ihre Quantität aus, lässt sie in unterschiedlicher Intensität wirken. Zanetti arbeitet oft in Serien, die in den kräftigen Farben beginnen und in der «unbunten» Farbe Weiss enden. Der Maler beschreitet dabei den Weg einer Verdichtung und Intensivierung der Raumwirkung. Ganz anders die warmen, erdigen Farbtöne seiner figurativen Werke, die der Farbe immer ihre Eigenwertigkeit belassen und sie nie auf die Verweisfunktion reduzieren. Zanettis Farben werden von geometrischen Formen, Winkeln und Linien in ein Gefüge gebracht. Auch wenn hier die Bezeichnungen «konstruktiv» oder «konkret» nicht ganz abwegig sind, greifen sie dennoch zu kurz. Zwar arbeitet der Künstler mit einem strikt geometrischen Formenvokabular, aber seine Kunst ist kein «ausdruck von harmonischem mass und gesetz», wie dies Max Bill einmal als Definition für die konkrete Kunst formuliert hat. Zanetti ist eher ironisch: Er beginnt mit einer Vision, einem Skelett, um es anschliessend kurzerhand wieder über den Haufen zu werfen. Wenn seine Winkel und Linien aufeinandertreffen und überraschend wieder auseinanderbrechen, so bewegt sich der Künstler immer im Kippmoment zwischen Intellekt und Intuition, die in ihrer Abweichung von «mass und gesetz» eines leisen Humors nicht entbehren.
Geometrisches Vokabular Seine Formen und Linien sind keine Ausgeburten seines Intellekts, sondern vielmehr so etwas wie eine Zeichensprache. Wenn Zanetti malt, dann produziert er Zeichen mit einer Art Körperalphabet, dessen Geometrie er als universelle Sprache versteht. Interessant zu beobachten ist, wie diese Zeichensprache als eine Art bildstrukturierender Grammatik bereits in seinen frühen Werken zur Geltung kommt.
Sich nicht aufdrängen Wenn Zanetti seine Vorbilder - darunter auch Leonardo da Vinci - nennt, dann keineswegs aus Eitelkeit, im Gegenteil. Er, der seine Farben immer mit dem Spachtel statt dem Pinsel aufträgt, meidet jegliche Handschrift, scheut jeglichen Stil, denn: «Ich will mich niemandem aufdrängen.» Nicht einmal signiert sind seine Bilder. Zanetti hat sich Zeit seines Lebens den Herausforderungen der Kunst und ihrer Strömungen gestellt, und hat trotz (oder vielleicht gerade wegen?) seiner Verweigerungshaltung gegenüber dem zeitgeistigen Geniekult einen ganz individuellen Ausdruck entwickelt, der in seiner Hingabe an nichts anderes als an die reine Kunst tiefsten Respekt abnötigt.
CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 2. November 2009
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