oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 39
28.8. – 27.9.2009
Anna-Maria Bauer | Hazem El Mestikawy | Barbara Graf | Hans Knuchel | Conrad Steinmann | Philippe Winninger
«Modulus»
Zur Austellung
Modulus – das lateinische Wort für Mass, ist ursprünglich eine Einheit der Klassischen Antike um die Grössenverhältnisse von Säulenordnungen und deren zu verzierenden Teile zu bestimmen. Modulus, Modus, Modul sind alles verwandte Begriffe, die bis heute für Grundmass und Ordnung, für Bausteine, Zusammenfügen und Ineinandergreifen, für einen Arbeitsablauf oder Rhythmus stehen. Das Gehirn des Menschen hat Module für die Sprache, für mathematisches Denken, für das Einfühlungsvermögen. Diese Eigenschaften sind bei den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern vielleicht besonders ausgeprägt – sicher sind sie eine Voraussetzung um die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten schaffen zu können. Die Beteiligten gehen mit ihren Darstellungsformen und Materialien dabei völlig individuell mit dem Begriff Modulus um. Die Ausstellung soll aber dem Besucher auch das Gemeinsame und Ordnende sicht- spür- und hörbar machen.
Pressestimmen
Mass und Ordnung der Dinge
Der gemeinsame Nenner von Schildkrötenpanzern, Plastikbechern und Baukästen? Eine Antwort gibt die Ausstellung «Modulus» im Oxyd.
Winterthur - Ein heller, aber kleiner Raum fängt den Blick des Besuchers im Oxyd, wenn er vom hauseigenen Garten herkommt. Eine transparente Wand ist darin aufgebaut, sie ist wellenförmig und erstreckt sich bis fast an die Decke des Zimmers. Kein Warnschild verkündet, wie fragil diese Installation von Philippe Winniger ist: Es sind etliche Plastikbecher, aufgestapelt, nicht geklebt. Die Becher verlieren ihre Bedeutung, werden entmaterialisiert. Die Aneinanderreihung und Stapelung dieser Bausteine, zu denen sie geworden sind, wertet den alltäglichen Gegenstand auf, er erhält einen eigentümlichen Schimmer, der die Oberfläche an Glas erinnern lässt.
So leicht und licht die Konstruktion daherkommt, so verspielt sie wirkt - in präziser, fast möchte man sagen emsiger Arbeit hat sie der Künstler aufgebaut.
Emsig wie eine Ameise. Die Ergänzung zum kommentierten Arbeitsprozess liefert ein Video im unteren Stockwerk: Angelockt von einem Stück Bündnerfleisch befördern die Tiere langsam, aber unermüdlich einen Plastikbecher, abgebildet auf Papier, das im Köder steckt, an ihr Ziel. Im Hintergrund leiert eine monotone Computerstimme das ständig wiederholte Gemurmel, kaum verständlich, Plastic, sagt sie immer wieder und verleiht dem Bild einen ruhigen, aber stetigen Rhythmus. Die Plastikbecher sind das Modul Philippe Winningers, in ihrer Repetition findet sich die Struktur, die Ordnung.
Bausteine
«Modulus», der Titel der Ausstellung, steht denn auch für Mass. Das lateinische Wort findet sich aber auch in vielen weiteren Begriffen: Modulus, Modus, Modul sind alles verwandte Begriffe, die bis heute für Grundmass und Ordnung, für Bausteine, Zusammenfügen und Ineinandergreifen, für einen Arbeitsablauf oder Rhythmus stehen», präzisieren die Initiatoren die Idee ihrer Ausstellung.
Fünf Künstlerinnen und Künstler haben im Oxyd Mass genommen, haben auf individuelle Art gezeigt, was das für sie bedeutet. Es sind dies neben Philippe Winninger Anna-Maria Bauer, Hazem El Mestikawy, Barbara Graf und Hans Knuchel. Die Ausstellung ist so konzipiert, dass immer wieder Querverbindungen entstehen, nicht nur wie im Falle der Plastikbecher innerhalb eines Künstlers, sondern auch zwischen den Arbeiten. Präzision ist auch das zentrale Thema in den fesselnden Werken Hans Knuchels, der mit grosser Genauigkeit die Betrachter seiner optischen Täuschungen verführt und verwirrt.
Auch das Motiv des Moduls, der Grundstruktur taucht immer wieder auf. In den Arbeiten Anna-Maria Bauers ist dies der Panzer der Schildkröte mit seiner Musterung. Die Künstlerin, die sich besonders durch Kunst am Bau einen Namen gemacht hat, verwertet ihr Modul auch im Oxyd auf unterschiedlichste Weise: Mal sind es Skulpturen, mal Bilder, dann eine Installation. Bausteine auch im Werk von Hazem El Mestikawy, sie werden hier wie in einem ordentlichen Baukasten so angefertigt, dass sie jederzeit zusammengesteckt und wegtransportiert werden können.
Bewegliche Körper
«Die Mobilität ist ein zentrales Thema in meinem Leben und so auch in meiner Arbeit», sagt der Künstler, der aus Kairo kommt, in der Schweiz arbeitet und in Österreich lebt. Mit Mobilität ist für ihn Offenheit und Toleranz gemeint. Die Frage der Identität zieht sich als roter Faden durch seine Arbeiten im Oxyd. Auch seine Partnerin Barbara Graf spielt mit dem Begriff der Mobilität: Bei ihr wird der Körper so beweglich, dass er sich in einer zu ihren «Körperhüllen» aus Stoff passenden Tüte verstauen lässt. Auch bei ihr sind es Einzelteile, die je nach Ordnung eine Sicht auf ihre Kunst eröffnen.
Die Ausstellung im Oxyd stellt Bezüge her, verschlüsselt, was anderenorts aufgedeckt wird und weckt Neugier im Betrachter.
MELANIE KOLLBRUNNER, Der Landbote vom 29. August 2009