oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 38

5.6. – 12.7.2009

Eugen Del Negro

«Entdeckungen - Der Archipel eines Malers»

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

Neue Arbeiten stellte Eugen Del Negro vor einigen Jahren im oxyd aus. Die Retrospektive von 2009 gibt Einblicke in das Schaffen von 50 Jahren: von dunkeltonigen Frühwerken zu farbiger Malerei, von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion, vom Komponieren zur spontanen Gestik, mit einem Wort: vom Ding zum Rhythmus.

Das verzweigte Werk – ein Archipel von Werkgruppen – ist gekennzeichnet durch eine bemerkenswerte Neugier des Prüfens der Bildmittel, um beobachtete und verinnerlichte Wirklichkeit darzustellen. lnhaltlich berührend sind Momente existentieller Erfahrungen zwischen Unruhe und harmonischem Ausgleich.

Der Maler schreibt: „Mich bewegen die Ausschläge nach den verschiedensten Polen. Das kann sich äussern in: gross-klein, ruhig-expressiv, schwarz/weiss-farbig oder Malerei-Collage, Zeichnung-Stempelbild. Daraus entsteht Pendelenergie, die ich als Lebendigsein erfahre.“ Die Retrospektive zeigt, dass Eugen Del Negros Schaffen mehr durch Impulse der Klassischen Moderne als durch spezifische Zeitproblematiken angeregt wurde. Das Eigene entsteht, wenn der Maler sein Temperament zum Ausdruck bringt: Energisch, mit zupackender Hand, lässt er sich gern auf das Gestalten als Prozess ein. Kräftige Kontraste aufzumischen, bald subtil oder wuchtig, bald in chaotischer Fluktuation oder strikter Ordnung, das scheint seine Aufgabe zu sein. (G.P.)

Ansprache

 

Entdeckungen – der Archipel eines Malers

Liebe Kunstfreunde

Ich möchte beginnen mit einem herzlichen Dank an die Leiter des oxyd, die diese umfangreiche Retrospektive ermöglichen. Auf das Ausstellungsareal sind genau 119 Werke aus 5 Jahrzehnten verteilt. Welche Galerie kann eine solche Schau anbieten? Oxyd ehrt damit den Künstler und sich selbst.

Als ich mit Eugen im Bilderlager und im Atelier eine Auswahl traf, mussten wir trotzdem unglaublich viele schöne Sachen zurückstellen. Scherzhaft haben wir ein paar Mal bemerkt, dass eigentlich nur das Kunstmuseum gross genug wäre, um die effektive Breite der Produktion aufzuzeigen, die dadurch entsteht, dass der Künstler bestimmte Bildkonzepte jeweils in einer ganzen Serie von Variationen durchzuspielen pflegt. Wenigstens durch einige kleinere Werkgruppen wird das hier deutlich gemacht.

Das Einrichten der Ausstellung stellte uns noch vor ein anderes Problem. Mit den frühen, meist kleinformatigen Bildern konnten wir im ersten Raum nicht beginnen, sie wären hier verloren. Allerdings war das Prinzip „schön der Reihe nach“ auch gar nicht wünschenswert. Betritt man diesen neu gestalteten, grossartig dimensionierten Raum, so begegnet man gleichsam einigen wuchtigen Paukenschlägen des reifen Schaffens. Nur ein Bild, das blaue Gartenbild, ist älteren Datums. Es soll hier zeigen, wie der freie malerische Gestus - z.B. im späteren Querformat gerade gegenüber – sich schon früher ankündigt. Das Bild heisst darum sinngemäss „Aufbruch“.

An mehreren Stellen sind beim Hängen von selbst Berührungen verschiedener Zeitebenen entstanden. Wie eins aus dem andern hervorging, lässt sich auf spannende Weise verfolgen, denn grundsätzlich bewegt sich der Besucher auf der Zeitachse zurück bis zu den Anfängen oben im kleinsten Raum. Der hat fast musealen Charakter, es gibt hier eine Familiengalerie neben dunkeltonigen Täfelchen, doch strömt bald auch Licht und Farbe in die Bilder ein.

Auf dem Rückweg zum Ausgang kann man dann chronologisch, von Stufe zu Stufe, die Entwicklung des Malers nachvollziehen. Sie führt von der Gegen- ständlichkeit zur Abstraktion, vom Komponieren zur spontanen Gestik und zum Allover, kurz: von äusseren zu inneren Bildern. Es ist an sich ein klassischer Weg, den wir jetzt überblicken. Tausende gingen ihn im letzten Jahrhundert, doch war jeder sein eigener Pfadfinder. Die Vielfalt der Verzweigungen und entdeckten Bezirke in Eugen Del Negros künstlerischem Werdegang ist ungewöhnlich. So drängte sich mir für den Titel der Ausstellung das Bild des Archipels auf, einer Gruppe z.T. kommunizierender Inseln, mit unterschiedlicher Geologie und Flora, mit nackter Erde, tektonischen Verwerfungen, blühender Vegetation oder kargen Zonen, Spuren von Zivilisation, je nach der Stimmung des Schöpfers, denn innere Bilder sind Bilder seelischer Befindlichkeit.

Nur eine Retrospektive kann auf diese Eigenart des Schaffens aufmerksam machen. Es geht ja nicht darum, alte Stücke hervorzukramen, sondern einem Künstler näherzukommen, der den alten Anspruch auf Einheit des Stils aufgegeben hat. Nicht alle müssen das tun. Aber wer es muss und nicht täte, um einer scheinbaren Identität willen, würde seine Identität verleugnen. Diesem Typus geht es nicht um Einheitlichkeit des Stils, sondern um die Komplexität einer Haltung. Auf diese Weise, durch fortgesetzte Aktualisierung von Eigenem, ist sich Eugen Del Negro treu geblieben, trotz des gegenteiligen Eindrucks, den ein oberflächlicher Betrachter gewinnen könnte. Die Bereitschaft, sich zu wandeln, mehrere und neue Eisen zu schmieden, ist für den Betrachter allerdings eine anspruchsvolle Haltung. Wer solchem Treiben zuschaut, muss flexibel sein oder es beim Zuschauen vielleicht werden. Kafka formulierte den paradoxen Gedanken: „Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend.“

Eugen Del Negro kam am 22. Januar 1936 (er ist ein doppelter Wassermann) als Sohn einer italienischen Einwandererfamilie in Winterthur-Töss zur Welt, besuchte hier die Volksschule und machte anschliessend eine Bauzeichner-Lehre. Nach fast zweijähriger Praxis in Schweden erwarb er das Schweizer
Bürgerrecht, absolvierte eine verspätete Rekrutenschule und im Anschluss daran am Technikum Winterthur ein Hochbaustudium mit Diplom-Abschluss.
Die Fortsetzung der Studien an der Kunstgewerbeschule in Zürich bedeutete eine entscheidende Weichenstellung. Neben dem Normalpensum bewältigte er die für eine Zeichenlehrer-Ausbildung benötigten Kurse in Kunstgeschichte, Anatomie und Archäologie an der Universität Zürich. Ein gutes Jahrzehnt lang,
ab 1962, wirkte er als Zeichenlehrer an der Kantonsschule Winterthur, wo ich ihn als Kollegen kennen lernte. Mein Kunstgeschichtezimmer stiess an seinen Zeichensaal, und so sassen wir oft plaudernd zusammen. Plaudern ist für ihn bis zum heutigen Tage eine energiegeladene Tätigkeit des Ergründens. Er sucht griffige Worte, und ein Übriges tun Arme und Hände: sie modellieren plastisch in der Luft, was ihm vorschwebt, oder er erläutert seine Vorstellungen mit Block und Stift. 1967, als ich meine Berufsarbeit begann, bezog er mit seiner Familie in Oberstammheim ein Wohnhaus, das er natürlich selbst entworfen hatte. Verbunden durch eine offene Loggia baute er sich daneben ein geräumiges Atelierhaus. 1974 sagte er dem Schuldienst Adieu. Freischaffend war er nun, und dafür genügte ihm der mit Margrit zusammen geschaffene Lebensraum vollauf. In die Ferne zog es ihn nicht mehr. Mit ganzer Hingabe machte er aus einem gestalterischen Beruf eine Berufung. In zwei Selbstbild- nissen dieser Ausstellung blickt er so streng prüfend in den Spiegel, dass der Betrachter fast erschrickt. Beide Bilder zeigen auch den Übergang von toniger Helldunkel-Malerei zu einer koloristischen Auffassung der Wirklichkeit.

Mit ihr fand der Maler ein wunderbares Betätigungsfeld während eines ganzen Jahrzehnts, etwa von 1976 bis 1985. Eindrücke der häuslichen oder dörflichen Umgebung, des Thurtals und des Stammerberges wurden stimmungsvoll, seinem Temperament gemäss oft expressiv gesteigert, ins Bild gesetzt. Einige Blumenbeete und ein gewaltiger Apfelbaum im Sommer, aber auch Blumen-, Früchte- und Fischstillleben zeugen von dieser fruchtbaren Zeit, die Eugen Del Negro wie eine glückliche Schönwetterperiode in Erinnerung behält. Jeder Maler steht auf den Schultern anderer. Selbst Picasso fand, wie er sagte, in Cézanne seinen Meister, allerdings seinen einzigen. Für Eugen Del Negro wurde nicht Heinrich Müller an der Kunstgewerbeschule wichtig, sondern Alfred Pfister. Von diesem Zauberer lernte er, das Bild als visuellen Schock, inszeniert mit sparsamsten Mitteln, zu begreifen. Das hebt seine farbigen Werke über die gefällige Gemütlichkeit von Heimatmalerei hinaus.

Aber der Mensch kann sich der Veränderung nicht entziehen, welche die Zeit mit sich bringt. Werke wie die zwei Fassungen eines „Atelier-Interieurs“ offenbaren, dass der Augeneindruck seine Notwendigkeit allmählich einbüsste, wie aus den Dingen Elemente einer Komposition wurden. Seither hat Eugen Del Negros Kunst eine neue Freiheit des Ausdrucks gewonnen, auch in technischer Hinsicht durch die Collage. Stilvarianten mit Ausflügen in den Surrealismus, der malerische Gestus aus dem Arm, ja dem ganzen Körper heraus, aber auch der strenge Bildaufbau, der dem gelernten Architekten HTL nicht fremd sein konnte, kennzeichnen ein wiederum euphorisch erlebtes
Jahrzehnt intensiven Schaffens. Viele der hier gezeigten Werke stammen aus den späten achtziger und den neunziger Jahren. Aus Stimmungen sind Befindlichkeiten geworden, und mit den inneren Bildern sind auch andere Taktgeber ins Blickfeld geraten, der Italiener Vedova etwa oder der Amerikaner Franz Kline. Kunst selbst löst Kunst aus, das war immer so, auch in Zeiten des Naturalismus. Namen von Vorbildern erwähnt Eugen Del Negro ungeniert, sie bedeuten viel, aber wiederum nicht viel, denn aneignen kann man sich nur eine Haltung, eine Richtung. Den Weg ins Ziel muss man selbst gehen, den Wurf zum eigenen Bild selbst wagen.

In Eugen Del Negros Bildern und Plastiken der letzten zwei Jahrzehnte begegnet uns ein beweglicher, neugieriger, oft auch unruhiger Geist. Wo der Maler hinblickt, bauen sich leicht Gegensätze auf, entdeckt er Spannungen, kämpft Schwarz gegen Weiss und umgekehrt, kehrt das anfängliche Hell- dunkel auf die Bildbühnen zurück. Auf einigen ereignen sich wahre Eruptionen. Vulcanus macht sein Recht geltend wie früher die Göttin Flora. Dionysos schwärmt wild, und Apollo ruft zur Ordnung.

Kaum wird die Dynamik, die diese Bildwelt durchwaltet, als zerstörerisch empfunden. Es gibt düstere Momente, Melancholie, Kavernen und Höhlen, aber dagegen wirkt eine ursprüngliche Vitalkraft. Ich hüte mich, diese Kunst „männlich“ zu nennen, denn Frauen können solches auch schaffen, nur holen sie vielleicht seltener in dieser Weise dazu aus. Aber ein gewisses italienisches Form- und Harmoniegefühl, etwa im Ausbalancieren von Kraft und Ruhe, von Emotion und Intellekt wird man dieser Kunst nicht absprechen. Spontaneität ist für EDN ein zentraler ästhetischer Wert, er liebt das Risiko der schnellen Pinselarbeit, aber er kultiviert sie auch, vermeidet alles Grobschlächtige.

Zum Schluss möchte ich auf zwei unterschiedliche Bildstrukturen der neuen Werke hinweisen. Es gibt die echten Kompositionen aus Gegensätzen wie Gross und Klein, also die hierarchische Ordnung durch souveräne Regie des
Malers. Daneben aber gibt es auch die ganz andere Struktur gleichartiger Zellen, den Teppich, die von Rand zu Rand vibrierenden, fluktuierenden Flächen, die ausgespannten Netze. Gerade in den Jahren seit 2000 sind einige wunderbare Serien solcher Bilder entstanden. Ein ganz anderes Lebensgefühl drückt sich darin aus. Das Ich des Regisseurs scheint zurückzusinken, gewissermassen demütig sich einem Strömen hinzugeben, das über alle Ränder sich ins Unsichtbare fortsetzt.

Ich mag diese Bilder besonders. Sie sind nicht als etwas Exklusives gemeint, als der Weisheit letzter Schluss. Sie schliessen die andere Art, Wirklichkeit zu erleben, die dramatischen Konflikte, Licht und Dunkelheit nicht aus. Die beiden Seinsweisen finden sich nebeneinander, und so erleben wir sie ja auch.

Wenn mein Text zum Schluss ein wenig philosophisch geworden ist, so liegt das an Eugen Del Negros Werken selbst, obgleich er, als bildender Künstler, mit seinen Pinseln, Werkzeugen und Materialien nur Zustände der Seele anschaulich machen will, ohne wissen zu können, wohin das jeweils führt.

 

GERHARD PINIEL, 5. Juni 2009

 

 

 

Pressestimmen

 

Durch den Archipel - und darüber hinaus

Der Künstler Eugen del Negro stand lange im Schatten anderer - die neue Ausstellung des Kulturvereins Oxyd rückt ihn nun in einer Retrospektive endlich ins rechte Licht. Sie führt ein halbes Jahrhundert künstlerischen Ringens vor Augen.

WINTERTHUR - Seine jüngsten Schöpfungen, entstanden im vergangenen Jahr, gehören nicht zu denjenigen Werken, die in der über zwei Etagen angelegten Ausstellung in den Oxyd-Kunsträumen ins Auge fallen. Klein sind sie, in der Grösse eines Schreibblocks, überzogen mit Gitterstrukturen aus schwarzen Linien. Zum einen erinnern sie an die écriture automatique, an Zeichnungen, die man ohne «Kunstwollen» so nebenher, etwa beim Telefonieren, macht. Andererseits wirken sie ausbalanciert, komponiert, durch und durch intellektuell: Als Vertreter der bei Eugen del Negro (* 1936) so charakteristischen künstlerischen Pole stellen sie so etwas wie die stark verdichtete Synthese eines halben Jahrhunderts künstlerischen Schaffens dar, das nun in den Oxyd-Kunsträumen in einer vom Kunsthistoriker Gerhard Piniel wunderbar kuratierten Ausstellung unter dem Titel «Entdeckungen - Der Archipel eines Malers» gebührend gewürdigt wird.
Der Begriff des «Archipels» ist zentral: Immer wieder muss man, will man sich in einem Archipel bewegen, das feste Gestade hinter sich lassen, das Wagnis eingehen, über schwankenden Grund zu neuen Ufern aufzubrechen. Eugen Negro hat diesen Mut immer wieder aufgebracht. Niedergelassen hat er sich nie, immer hat er sich zwischen weit auseinanderliegenden Bereichen bewegt und aus den Pendelbewegungen von Pol zu Pol seine schöpferische Energie bezogen. Gerhard Piniel hat daher auch auf eine Hängung «schön der Reihe nach» verzichtet. Der Besucher begegnet erst dem reifen Schaffen - beleuchtet durch ältere Werke, in denen sich gewisse Tendenzen bereits ankündigen.

Mit Blick auf die Welt
Dennoch entwickelt sich das Werk mit einer grossen inneren Konsequenz. Da begegnet man in den späten Fünfzigerjahren figürlicher Malerei, die noch ganz unter dem Einfluss verschiedener europäischer Kunstströmungen stehen. Obwohl del Negro in Oberstammheim lebt und arbeitet, bekennen sich seine Bilder zu den Strömungen europäischer Malerei - und sprechen dennoch eine ganz eigene Sprache. Auch wenn sie hiesige Bildmotive aufnehmen, ihre starken Farbimpulse haben doch so gar nichts «Heimeliges».
Doch bald wurde es dem Künstler innerhalb der klassischen Gattungen Porträt, Landschaftsmalerei und Stillleben zu eng. Sein ureigenes Temperament will er jetzt zum Ausdruck bringen, frei werden von äusseren Einflüssen und künstlerischen Schulen. Als gut Fünfzigjähriger wagt er einen Aufbruch in die Abstraktion, in neue Medien, wie etwa die Collage. Rhythmen werden wichtig, Komposition und Farbe. Dabei lotet er die entgegengesetzten Möglichkeiten der freien rauschhaften Gestik in Schwarz und Weiss ebenso aus wie diejenigen der rationalen farbigen Komposition.

Mut zur Radikalität
Doch ist ihm die Abstraktion keineswegs in den Schoss gefallen, sie ist hart erarbeitet. Piniel hat die noch gegenständlichen Bilder, in welchen del Negro - ausgehend von bisherigen Bildmotiven - um einen neuen Ausdruck ringt und seine Gestaltungsmitte radikal befragt, neben diejenigen gehängt, in welchen der Künstler offene See erreicht hat und er die inneren Bewegungen seines Geistes frei auf die Leinwand fliessen lassen kann.
Die Ausstellung lässt in ihrer ganzen Anordnung etwas vom Geheimnis guter Kunst erahnen: Diese entsteht, wenn ein Künstler den Mut hat und radikal genug ist, seinen vertrauten Archipel zugunsten immer neuer Horizonte ganz hinter sich zu lassen.

 

CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 5. Juni 2009