oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 37

24.4. – 24.5.2009

Patrick Graf | Konstantinos Manolakis | Claude Peinzger | Tobias Spichtig | Oliver Stäudlin | Fant Wenger

«Woran wir nicht zu denken wagen»

Kuratiert von Raphael Zürcher

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

Die Ausstellung «Woran wir nicht zu denken wagen» zeigt Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern im Kontext einer Gesellschaft, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit bedeutenden Veränderungen, wie dem globalen Klimawandel, der Verknappung natürlicher Ressourcen oder der drohenden Bevölkerungsexplosion konfrontiert sieht und wagt die Frage nach der Befindlichkeit des einzelnen Individuums, welches sich vom Mythos eines global denkenden Weltbürgertums immer mehr an den Rand gedrängt fühlt. In seiner Rückgezogenheit erliegt es den verlockenden Versprechen der aufregenden Parallelwelten des Seins, nicht jedoch ohne sich der ständigen Bedrohung der prophezeiten (Klima) Katastrophe gewahr sein zu müssen, welche sich wie ein blinder Fleck auf die Wahrnehmung der Welt gelegt hat.

Das Schlagwort «Klimawandel» dient erneut zur bewussten Generierung einer öffentlichen Betroffenheit, verschiebt das Phänomen jedoch in den Kontext der zeitgenössischen Kunst, wo ein kritischer Dialog jenseits des moralisierenden Kanons politischer Debatten ermöglicht werden soll. Dabei verzichtet die Ausstellung darauf, den unsichtbaren Wandel mittels einfacher Visualisierungen in ein bekanntes Schema zu rücken. Der Schwerpunkt liegt viel eher in subtilen Verweisen zeitgenössischer Kunstschaffender, welche den Geist ihrer Zeit unmittelbar in den Augen der Betrachter zu reflektieren vermögen. Unter diesem Aspekt erscheint der Titel «Woran wir nicht zu denken wagen» als Einladung zum gemeinsamen Experiment mit der Absicht, sich dem kollektiven Unterbewussten behutsam anzunähern und dabei die Entwicklung einer persönlichen Position auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu fördern.

Lässt sich der drohende Klimawandel verhindern? Wollen wir den Wandel überhaupt abwenden? Was ist Wandel? Wovor haben wir Angst? Wagen wir es zu denken?

Unter www.offspace.ch steht zusätzliches Informationsmaterial zu den Künstlern, der Ausstellung sowie Arbeitsmaterialien für den Workshop bereit.

 

www.offspace.ch

 

Pressestimmen

 

Von Killer-Keimlingen und Gespenstern

«Woran wir nicht zu denken wagen» lautet der Titel der neuen Ausstellung in den Oxyd-Kunsträumen. Fünf Kunstschaffende loten Terrain aus, in das man auf den Wegen des Denkens nicht hinkommen kann und oft auch nicht will.

WINTERTHUR - Denkverbote, Tabus generell, sind dazu da, übertreten oder gebrochen zu werden. Somit ist der Ausstellungstitel «woran wir nicht zu denken wagen» auch ein Leitspruch der Kunst schlechthin, einer Kunst zumindest, die sich im gesellschaftlichen Umfeld behaupten und die an den Diskussionen um drängende - oder vermeintlich drängende - Probleme teilnehmen will. Der junge Winterthurer Künstler und Kunstvermittler Raphael Zürcher hat als Kurator das Thema in den Raum gestellt und sechs Kunstschaffende eingeladen, die Räume des Oxyd zu bespielen. Fünf (der sechste, der auch im Flyer noch aufgeführt ist, hat sich zurückgezogen) haben sich schlussendlich gefunden, um Themen aufgreifen, die jenseits des Denkvermögens oder -wollens liegen. Mit Werken von Fant Wenger, Oliver Stäudlin, Patrick Graf, Claude Peinzger und Konstantinos Manolakis hat Zürcher eine facettenreiche Ausstellung kuratiert, die dunkle Löcher ausleuchtet, seien es persönliche oder solche der Gesellschaft.
Patrick Graf (*1981) nimmt gleich die eigene Welt, genauer den Kunstbetrieb auf die Schippe, denn wo gibt es mehr Denkverbote und Konventionelles als hier? So spielt der Künstler in seinen Bildern ganz offen mit dem Gedanken, statt genialer aber mausarmer Aussenseiter zu sein, sozial aufzusteigen. Hiebe aus dem Kunst-Etablissement dürften ihm sicher sein. Woran man in einem etablierten Kunstumfeld wie dem Oxyd sicher nicht zu denken wagt, ist, dass der Besucher am Ende einer Ausstellungsbesichtigung (freiwillig!) bekleckert und benebelt wird.

Eine Zeitreise
Ebenfalls eher aus dem persönlichen Umfeld stammen die Arbeiten der Berlinerin Claude Peinzger (*1980). Sie hat - wie sie erklärt - keine eigenen Werke ausgestellt, sondern diejenigen der Zeitreisenden Ekaterina Koslowskaja. Diese war 1920 auf eine Zeitreise ins Jahr 1927 geschickt worden, aber erst 2007 wieder in die Geschichte zurückgekehrt - wo sie auch Peinzger kennen lernte. Die Künstlerin zeigt Gemälde, die von Séancen inspiriert sind, von Anlässen also, in denen Koslowskaja versucht, sich mit ihren verstorbenen Angehörigen im Jahr 1920 in Verbindung zu setzen und sie als «Geister» zu visualisieren.
Konstantinos Manolakis (*1980) dagegen lotet - auch er wie Graf und Peinzger mit gewissem Schalk im Augenwinkel - die Möglichkeit aus, dass Kunst, der ja oft so etwas wie Ewigkeitswert zugehalten wird, vergänglich sein könnte. Er experimentiert mit Materialien bis an die Grenze ihrer physischen Eigenschaften. Manolakis Komplize und Antagonist gleichzeitig ist die Schwerkraft. Wagen wir es zu denken, dass die Säule, die er aus Styropor und Gips zusammengebaut hat, an ihrer dünnsten Stelle bricht? Oder dass seine Installation aus Brettern zusammenbricht? Anders formuliert: Warum bleiben diese Kreationen überhaupt stehen? Der Künstler führt an die Grenzen dessen, was wir noch denken können. Bewusst verweigert Manolakis jegliche Information, er unterbindet das permanente News-Rauschen, das uns allerorts umspült. Das Ende des Denkens führt in eine meditative Stille, die schon fast unvorstellbar schwer auszuhalten ist.

Vom Fortschritt überrollt
Oliver Stäudlin (*1972) und Fant Wenger (*1971) greifen stärker medial vermittelte Themen auf. In Stäudlins Beiträgen klingt noch etwas vom Titel seiner jüngsten Ausstellung im Sommer 2008 im Kunstraum Winterthur nach: «Die Welt ohne uns». In seinen Bildern fehlt der Mensch auch in den aktuellen Bildern, der «homo progressivus» hat sich durch seine grenzenlose Fortschritts- und Technikgläubigkeit selbst wegrationalisiert, dennoch war er nicht schnell genug: Die Zeit ist glatt über ihn hinweggeschritten.
Der wie ein Killer-Keimling aussehende Skulptur Fant Wengers unter dem Titel «Mutation» signalisiert, dass dieser Künstler keine Denkverbote kennt, wenn es um die Kunst als Diskussionsplattform für aktuelle Probleme wie beispielsweise den Klimawandel geht. In seinen Collagen, die die Skulptur umgeben, kombiniert Wenger abstrakte Zeichensysteme wie Karten oder mathematische Formeln mit Bildern aus verschiedenen Medien. Der Künstler macht den Abgrund fühlbar, der zwischen den analytischen, auf wissenschaftlichen Beobachtungen beruhenden Prognosen und den für den Menschen fühlbaren Klimawandel klafft. Die Bilder bestehen aus vielen verschiedenen Schichten, die durch Collagen- und Lasurtechniken entstehen. Der Künstler verweist auf die Vielschichtigkeit des Problems, verzichtet aber auf eine Belehrung oder Parteinahme.

Persönlich statt ideologisch
Vielleicht mag der eine oder andere angesichts der Jahrgänge der Künstler über die wenig avantgardistischen oder «jungen» Positionen enttäuscht sein. Und in den einen oder anderen Denkraum hat sich auch schon der eine oder andere Kunstschaffende vorgewagt. Dennoch zeugen die Arbeiten gerade in ihrem Verzicht auf eine verkrampfte Avantgarde, auf die mit dieser ja oft verbundenen Besserwisserei, von einer künstlerischen Auseindandersetzung mit der Umwelt, die durch ihre persönliche Perspektive und Intensität überzeugt.

 

CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 29. April 2009

 

 

 

Spurensuche in Sachen Kunst

Was in Museen gang und gäbe ist, wird jetzt zum ersten Mal auch in einem Kunstraum angeboten, der auf Gegenwartskunst spezialisiert ist: In den Kunsträumen Oxyd sollen Schülerinnen und Schüler moderne Kunst erforschen können.

WINTERTHUR - Museumspädagogik ist längst ein fester Bestandteil der städtischen Kulturvermittlung. Doch lebt die Kunst ja nicht nur in musealem Umfeld, sondern gerade auch in den privat oder wie im Fall der Kunsträume Oxyd durch Vereine geführten Institutionen. Doch hier wurden bisher bestenfalls Erwachsene in Künstlergesprächen näher an die Werke herangeführt. Für Schulen besteht kein Angebot. Andi Fritschi, Präsident des Kunstvereins Oxyd, will dies nun ändern. Dazu plant er, künftig jedes Jahr eine Ausstellung zu organisieren, die auf das ganz junge Publikum zugeschnitten ist. Dieses wird in Workshops an das heutige Kunstschaffen herangeführt. Dafür erhält er, der ansonsten ohne staatliche Gelder auskommen muss, sogar Unterstützung von der Stadt. «Dort hat man gemerkt, dass Kunstvermittlung nicht nur im Museum möglich und sinnvoll ist», erklärt er sein Konzept. Er versteht sein Angebot aber strikte als Ergänzung, keinesfalls als Konkurrenz zur Museumspädagogik. Er will den Jungendlichen ein Erlebnis bieten, einen direkten Zugang zur Kunst, wie er nur in einem Kunstraum möglich ist. Kuratiert wird die Ausstellung unter dem Titel «Woran wir nicht zu denken wagen» von Raphael Zürcher (Vernissage 24. 4.). Er hat die Kunstschaffenden Patrick Graf, Claude Peinzger, Tobias Spichtig, Oliver Stäudlin, Konstantinos Manolakis und Fant Wenger eingeladen. «Diese Künstler beschäftigen sich mit der Umwelt und den Veränderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts», so Zürcher. «Themen, die auch Jugendliche beschäftigen.» Für die Workshops konnte Zürcher die Kunstvermittlerin Fanny Vogler aus Dresden und den Primarlehrer Julian Nigg gewinnen.

Forschen und selber urteilen

«Schüler haben einen grossen Forschungsdrang», so Vogler. In den zweistündigen Workshops werden die Schüler deshalb in Expeditionsteams auf Spurensuche in Sachen Kunst geschickt: Sie sollen herausfinden, woraus die Werke bestehen, wie sie zustande gekommen sind, wer ihr Urheber ist. Zudem können sie reagieren und selbst Kunstwerke schaffen. Diese werden im Internet veröffentlicht. Ob sich Jugendliche für Kunst begeistern lassen, wissen weder Fritschi noch die Kunstvermittler. Sie wollen die Schüler im Umgang mit Kunst nicht bevormunden, sondern ihnen ein Instrumentarium in die Hand geben, das sie befähigt, Kunst eigenständig zu beurteilen. «Auch wenn sie die Kunst nicht mögen, dann haben sie wenigstens gelernt, ihre Ablehnung sachlich zu begründen», erklärt Nigg.

 

CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 4. April 2009