oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 35

6.12.2008 – 11.1.2009

Dezemberausstellung

Künstlergruppe Winterthur und Gäste im oxyd

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

Die Künstlergruppe Winterthur vereinigt bildende Künstlerinnen und Künstler der Region und umfasst Zurzeit rund 60 Mitglieder verschiedensten Alters und Stilrichtungen.
Seit ihrer Gründung 1916 findet ihre in der Winterthurer Gesellschaft fest verankerte Dezemberausstellung im Kunstmuseum Winterthur statt.
Die zweijährige umbaubedingte Schliessung des Kunstmuseums Winterthur hat diese
traditionsreiche Jahresausstellung der Künstlergruppe Winterthur vorübergehend
heimatlos gemacht. Deshalb organisiert sie diesen für die Winterthurer Kunstszene
wichtigen Anlass selbst. Dieses Jahr ist sie zu Gast in den Kunsträumen oxyd.


Pressestimmen

 

Die Kunst im Oxydationszustand

Die Verbannung aus dem musealen Rahmen und die Berührung mit freiem Sauerstoff müssen der Kunst nicht schaden. Doch trotz hervorragender Arbeiten hinterlässt die diesjährige Dezemberausstellung einen zwiespältigen Eindruck.

Die montierte Fassade mit dem Konterfei des ehrwürdigen Kunstmuseums im Eingangsbereich des Oxyd nimmt es vorweg: Wohl ist man topografischer Ersatz für die zurzeit heimatlose Winterthurer Dezemberausstellung, doch als Gefäss mit Renommee gibt man nicht viel auf Anciennität, sondern setzt auf die reaktiven Kräfte des nach allen Seiten freien Kunstraums. Damit passiert der Besucher mit einem Schmunzeln die rostrote Museumsstaffage und gelangt durch Gang und Glastür in den Bauch des Kunstwals. Dieser hat wie gewohnt nur den einen oder andern Happen aus den Ozeanen lokaler Produktion verschluckt – für die diesjährige Auswahl zeichnet die Zürcher Galeristin und Kunsthistorikerin Gabriele Lutz verantwortlich.
Die Gastkuratorin hat sich um die stets diskutierte mediale Ausgewogenheit bemüht und den Gattungen Film und Fotografie viel Raum gelassen. Da blitzt und flackert dem Eintretenden Theres Liechtis Animationsfilm «Insomnia» entgegen, dessen Endlosschlaufe der Schlaflosigkeit dem Medium zuwider etwas Statisches verströmt und dem nächtlichen Puppenheim einen unheimlichen Anstrich verleiht. Theo Spinnlers «Sweep» wischt als zweidimensionale Lavalampe eher im Vorzimmer der Möglichkeiten und bereitet dem Betrachter die Antithese zur vorgängigen Schlaflosigkeit.
Dass das bewegte Bild in bescheidener Erscheinung durchaus effektvoll eingesetzt werden kann, zeigt die Videoinstallation von Eveline Cantieni, «Strickendes Mädchen», wobei die Projektion durch eine simple, eingeschobene Fläche noch an Volumen gewinnt: Der 17-Sekunden-Loop beschwört in stilisierter Darstellung das Mantra einer weiblichen Kulturtechnik; weder Anfang noch Ende sind hier abzusehen, Zeit einzig in gemurmelter, aber letztlich unverständlicher Erzählung erfahrbar.
Der grossen Erzählung widmet sich auch Christian Schwager in der Fortsetzung seines «Stink Mountain Project». Das aus der Luft, am Boden und in der Tagespresse verfolgte Nachleben des Oberwinterthurer Stinkberges im Salat- und Püntikerkopf hätte durchaus seinen Reiz, doch die etwas lieblose Präsentation vermag nicht mit dem raffinierten Arrangement der ersten Bearbeitung mitzuhalten. Letztlich hat diese Installation aber etwas zu berichten – ein Detail, das die fotografischen Beiträge von Daniel Fehr («Die Erfindung des Unsäglichen 1–6») und von Gabriella Hohendahl («Falling Thoughts 1–5») in Serie vermissen lassen.
Spannender wird die Fotografie in den Händen eines Spezialisten der medialen Travestie: Ron Temperli rettet als Plünderer fremder Fotoalben die familiäre Foto-Ikonografie listig karikiert ins gemalte Miniaturtableau und arrangiert sie neu als Rudel von Erinnerungen in irritierendem Öl an der Wand. Eine in Medium und Ausführung schlichte, aber in der Komposition bestechende Arbeit legt Theo Hurter mit seiner Holzschnitt-Serie «Schildermacherei» vor. Vier zurückhaltende geometrische Arrangements in Schwarz-Weiss ergeben eine spannungsvolle Serie, die in der Überblendung der vier Motive in Farbe ihren Abschluss findet.
Grafischer Höhepunkt der Ausstellung sind aber die beiden grossformatigen Kohlezeichnungen von Katharina Henking, «Belle de jour» und «Wonderland», die selbst im vergleichsweise engen Kabinett ausgezeichnet zur Geltung kommen. In sicherer Strichführung kombiniert Henking schablonenartig ausgeführte Figuren und legt sie übereinander, sodass sie im Geflecht der Linien verschwinden, überraschend wieder auftauchen und vermeintliche Tiefenwirkung vorgaukeln. Von akribischer Arbeit an der Umsetzung des visuellen Eindrucks zeugen auch die «Séries noirs 2» von Werner Wal Frei; mit Wachsstift aus unzähligen Bewegungen modellierte Nachtszenen stellen sich im Dreierschritt der Herausforderung unterschiedlicher Lichtszenarien unter gleichzeitiger Reduktion des Formates.
Barbara Graf reicht dem Betrachter die Hand in den bizarren Formen eines «Anatomischen Gewandes»; die wohl nicht ganz unkomplizierte Anwendung wird in einer Begleitfotografie illustriert. Aufschlussreicher noch die beigegebene Traganleitung, deren faszinierende Arbeitsskizzen die etwas schwerfällige Wirkung des realisierten Objektes eigentlich übersteigen. Letzteres gilt natürlich keineswegs für die Arbeit «Boobs» von Gregor Frehner, zumindest demjenigen, der sich taktilen Eindrücken hingeben will. Der Künstler reicht die Brust, oder besser deren Unzahl, in bisweilen exzentrischer Ausführung, sodass englischer Pennälerjargon in Leuchtschrift für ihre Erscheinung werben muss.
Die sicherlich nicht einfache Platzierung dieser Installation verweist auf die Tücken der Örtlichkeit und nicht zuletzt auf das grosse Engagement der Gastkuratorin, passende Werkgruppen für die jeweiligen Räume zusammenzustellen. In einigen Fällen hätte jedoch der Verzicht auf einzelne Werke oder die Beschneidung von endlosen seriellen Arbeiten die Platzierungsnöte gemildert. Auch die Auswahl der eingesandten Arbeiten anhand von Dossiers anstatt wie bisher vor dem physischen Objekt hat die Beurteilung wohl kaum erleichtert; man wird das Gefühl nicht los, einige Werke hätten den Selektionsprozess nur dank ihrer physischen Absenz überstanden – Abbildung und Werk sind allemal zweierlei. Der Leser nehme es sich zu Herzen, wandere ins Oxyd und schaue um sich.

 

MARIO LÜSCHER, Der Landbote vom 11. Dezember 2008