oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 34b

24.10. – 23.11.2008

Beat Huber | Anne Schiffer | Ron Temperli

«Paris - Wülflingen»

Vorschau Einladung

Zur Austellung

 

Grosse Worte, kühne Träume: Wenn Wülflingen einst von Aufschwung, Reichtum und Weltanschluss träumte, so ist es heute Vorstadt - hier wohnt man, hier schläft man. Mit der Ausstellung Paris - Wülflingen blenden wir zurück, machen Halt und lassen die Geschichte Revue passieren. Mit den drei KünstlernInnen Anne Schiffer, Beat Huber und Ron Temperli wollen wir den alten produktionsgeist neu beleben und künstlerisch hintersinnen. Spielort ist das oxyd, das als Gebäude unmittelbarer Zeitzeuge dieser Geschichte ist.

Pressestimmen

 

Paris–Wülflingen (k)ein Holzweg

In der Werkhalle des Kulturvereins Oxyd sind zurzeit gleich zwei Ausstellungen zu sehen. Die eine kommt eher jung, frech und installativ daher, die zweite wird von drei Malern ganz unterschiedlichen Temperamentes bestritten.
Bevor die Dezemberausstellung der Künstlergruppe Winterthur in der Werkhalle des Kulturvereins Oxyd in Wülflingen ihre Zelte aufschlägt, findet hier eine Art Premiere statt. Drei Kunstschaffende, der Winterthurer Ron Temperli, die Niederländerin Anne Schiffer und der Zürcher Beat Huber, bespielen das Untergeschoss mit Installationen, die aus der unmittelbaren und aktuellen Beschäftigung mit der Umgebung hervorgehen. Damit setzt der Kulturverein zum ersten Mal das Konzept «oxyd UG» um, in dem Künstler sich mit der Geschichte Wülflingens und der Werkhalle in ihren Werken auseinandersetzen sollen. Keiner der drei aktuell gezeigten Kunstschaffenden hat einen biographischen Bezug zu Wülflingen, entsprechend distanziert bis ironisch fallen die Beiträge aus. «Paris–Wülflingen» lautet der Ausstellungstitel, kuratiert hat das Team «eggn’spoon», Nadja Baldini, Luzia Davi und Anna Kanai.
Den Ausgangspunkt der Schau bilden die einst ambitiösen Pläne um das Jahr 1900 herum, den industriell aufstrebenden Ort Wülflingen durch eine direkte Bahnlinie mit Paris zu verbinden. Noch zeugt der heute viel zu gross wirkende Bahnhof von einstigem Ehrgeiz; und nicht zuletzt das Oxyd – einst Kunstdüngerfabrik, dann Obstweinkelterei und schliesslich Lagerhalle für den Konsumverein – ist Zeuge der Industrialisierung, wie sie mit dem Bau der Spinnerei Hard, der 1800 eröffneten Weberei und der mechanischen Werkstätte eingesetzt hatte.
Dass Wülflingen dörflich war und geblieben ist, geht aus den Arbeiten Temperlis und Schiffers hervor. Temperli hat eine Art kleines Heimatmuseum geschaffen. Darin blendet er in eine Zeit zurück, in der die industrielle Massenproduktion die Handarbeit abzulösen begann. Ausgehend von historischen Fotos mit Handwerkern, hat er selber archaische Maschinen gebaut, mit denen er Kartonblätter ausstanzt und zu einem rätselhaften Haufen Laub arrangiert. Mit leiser Ironie parodiert er den einstigen Glauben an das menschliche Heil durch industrielle Massenproduktion von Konsumgütern. Anne Schiffer dagegen hat sich ganz dem heutigen Wülflingen verschrieben. Statt Wolkenkratzer Holz in rauen Mengen. Die Niederländerin fand in Wülflingen ihr Schweiz-Klischee bestätigt, was sich auch in ihrer launigen Nachahmung einer Vereinsfahne niederschlägt. Hemmungslos ironisch dann Beat Huber, der sich mit dem einstigen Pioniergeist am Industriestandort Wülflingen auseinandersetzt: Er präsentiert eine «Furztüte» zur Absorbierung umweltschädigender Methangase, die Kühe während der Verdauung ausstossen. Die Kuh hat verständlicherweise Reissaus genommen, der tierische Cul-de-Paris behauptet sich dennoch als skulpturale Plastik.
Die Ausstellung macht neugierig auf einen Ortsteil Winterthurs, auch wenn der Blick darauf wie im Falle Schiffers etwas bieder-belehrend daherkommt. Temperlis und Hubers Installationen sind dagegen «vachement sans culottes», zu Deutsch intelligente, witzige und gleichzeitig distanzierte Annäherungen an den Ort und seine Geschichte. Ein gewolltes Kontrastprogramm stellen dann die drei Maler Klaus Born, Valentin Hauri und Oliver Krähenbühl unter dem Titel «Because her Beauty is Raw and Wild» vor. Die gemeinsame Ausstellung vereinigt drei Generationen von Malern, die entsprechend unterschiedliche Strategien verfolgen. Alle drei gehören im weitesten Sinne in die Tradition der abstrakten bzw. nicht figurativen Malerei. Die drei bespielen die Räume nicht einzeln, sondern gemeinsam. So kann der Betrachter die ganz unterschiedliche Herangehensweisen nebeneinander betrachten. Die Bilder beleuchten sich aber auch gegenseitig und eröffnen auf das Werk des jeweils anderen eine neue und überraschende Perspektive. In einem schön bebilderten Katalog hat die Zürcher Kunstwissenschaftlerin Irene Müller kurze, aber sehr erhellende Texte zu den drei Werkgruppen verfasst. Die Erläuterungen ermöglichen einen guten Einund Durchstieg durch die ambitiöse Schau.

 

CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 7. November 2008