oxyd Kunsträume | Podium | Nr. 10
17.3. – 14.4.2013
Erwin Schatzmann | Martin Schwarz
«Erwin Schatzmann und Martin Schwarz»
Vernissage: Sonntag, 17.3.2013
11.30 Uhr, Podium Martin Schwarz und Erwin Schatzmann.
Philosophisches Gespräch über die Welt der beiden Künstler mit Dr. Karin-Maria Neuss. Anschliessend präsentiert Martin Schwarz sein neues Buch «Sedimente der Nacht».
Sonntag, 24.3.2013
11.30 Uhr, Führung mit Erwin Schatzmann, Martin Schwarz und Peter Killer
Erwin Schatzmann und Martin Schwarz waren mit Fred E. Knecht eng befreundet und haben in seiner Galerie A16 in Zürich aus gestellt. Von eigenen Werken ausgehend schlagen sie den Bogen zum verstorbenen Kollegen.
Sonntag, 7.4.2013
11.30 Uhr, «Utopia»
Eine Führung der besonderen Art mit Erwin Schatzmann
Finissage: Sonntag, 14.4.2013, 11.30
Finissage und «Kandinsky repatriiert»
Ist Kandinskys «Improvisation 8» aus dem Jahr 1909, das die Volkart-Stiftung für 23 Millionen Dollar verkauft hat, für Winterthur endgültig verloren? Die Finissage gibt eine Antwort.
Zur Ausstellung
Fred Engelbert Knecht, dem die jetzige oxyd-Hauptausstellung gilt, hatte einen immensen Freundeskreis. Unter den Künstlern standen ihm die Fabulierer und Phantasten, die Eigenwilligen und Unangepassten, die immer für eine Überraschung gut sind, die gegen-den-Strom-Schwimmer besonders nah. Mit zwei Winterthurer Künstlern war Fredi Knecht als Mensch und Galerist besonders verbunden, mit Erwin Schatzmann und Martin Schwarz.
Erwin Schatzmann und Martin Schwarz ist es wichtig, dass man ihren 2010 verstorbenen Zürcher Freund nicht als Zürcher Original missversteht, als Künstler- und Galeristenkuriosum, sondern auch zur Kenntnis nimmt, dass Knecht umweltpolitische Fragen sehr ernst genommen hat.
Der Bildhauer, Maler und Kleidermacher Erwin Schatzmann (1954 in Agasul geboren) wurde als Vertreter des «phantastischen Heimatstils» bezeichnet, ist aber auch ein homo politicus, dessen Projekt «Waldeggsee» 1999 von den Winterthurern an der Urne vorläufig abgelehnt worden ist.
Martin Schwarz (1946 in Winterthur geboren), der souveräne Verwirrspieler, der verblüffende Ideen verblüffend visualisiert, der die Kunstgeschichte durcheinander bringt, zeigt Werke aus seiner neuen Publikation «Sedimente der Nacht»: Ding- und Buchobjekte, neuere und auch ältere Übermalungen von Fotocollagen.
Ansprache
Ein paar Anmerkungen zur Kunst von Erwin Schatzmann und Martin Schwarz
Oxyd-Vernissage vom 17. März 2013
Die Werke von Fredi Knecht und seiner Freunde Erwin Schatzmann und Martin Schwarz entführen uns in eine Welt der Phantasie, nach Fantasia. Mit Phantasie begabte Menschen können uns etwas vermitteln, das über unsere Erfahrungen des Alltäglichen, in eine Welt des noch nie Erfahrenen hinausführt. Selbstverständlich äussert sich Phantasie nicht nur im Bereich der Bildenden Kunst; auch in der Literatur, der Musik, im Film, in der Kochkunst und der wissenschaftlichen Tätigkeit und Forschung ermöglicht die Phantasie den Schritt ins Neue.
Erwin Schatzmann und Martin Schwarz gehören zu den besonders mit Phantasie begabten Menschen, die das Recht zu träumen als selbstverständlich erachten. Das Gegenteil des Phantasie begabten Menschen ist der Pragmatiker, der Traumlose, der beim Zugfahren nicht mehr durchs Fenster auf die Landschaft oder ins Leere schaut, sondern ständig am Smartphone hängt oder nicht vom Bildschirm seines Kleincomputers loskommt. 99% aller Politiker und Wirtschaftsführer sind phantasielose, traumlose Pragmatiker, die von den Sachzwängen beherrscht werden. Die Pragmatiker sind mehr die nicht die schweigende Mehrheit, sondern die ständig am Handy schwätzende, uns terrorisierende.
Wenn ich von «traumlosen Pragmatikern» spreche, dann meine ich selbstverständlich nicht jene, die nachts nichts träumen. Nebenbei gesagt, erinnern sich die Traumlosen schlicht nicht ans Geträumte. Ich meine viel mehr all jene, die nicht wie Martin Luther King sagen können «I had a dream …». Einen Traum haben, etwas vor sich sehen, erwarten, erhoffen, das die Realität nicht bietet. Da sind wir wieder bei den Werken von Erwin Schatzmann und Martin Schwarz. Oder auch beim grossen Förderer der Aussenseiterkunst, bei Jean Dubuffet, der den Begriff «art brut» geprägt hat und sagte: «Es mag tatsächlich Künstler geben, die das zu gestalten versuchen, was sie sehen – mir scheint das ein schwer erklärbares Bemühen. Mir scheint, dass sich der Künstler Schauspiele bieten muss, die er zu sehen begehrt und denen er nur dann zu begegnen vermag, wenn er sie selber erschafft. Im Grunde findet der Künstler die wirkliche Berechtigung zu gestalten nur darin, dass er das gestaltet, was er nicht sieht, was er aber zu sehen begehrt.»
Übrigens bin ich der Ansicht, dass ein grosser Teil der Künstlerinnen und Künstler nur mässig phantasiebegabt ist, begabt war. Zu unrecht wird Kunst und Phantasie gleichgesetzt. Viele Künstlerinnen und Künstler sind Pragmatiker oder Empiriker. Sie gelangen nicht zum wirklich Neuen, sondern variieren einfach bereits Erreichtes, quetschen einen eigenen Einfall aus wie eine Olivenölpresse, die aus dem letzten Rest der Olivenmasse mit chemischer Hilfe noch Industrieöl herstellt, das im schlimmsten Fall als Extra Vergine in die Flasche kommt.
Sie hatten Phantasie: der Buchmaler von Gerona, Hieronymus Bosch, Pieter Breughel, Arcimboldo, Piranesi, der Zürcher Füssli, Goya, die malenden englischen Exzentriker, die franzöischen Symbolisten, Henri Rousseau der Zöllner, Alfred Kubin, die Aussenseiterkünstler wie sie in der Lausanner Collection de l'Art brut oder im St. Galler Museum im Lagerhaus zu sehen sind – und viele andere. Aber hundert, tausend Mal mehr Phantasielose sind in Kunstgeschichte eingegangen. Reden wir nicht von der Renaissance, dem Goldenen Zeitalter der holländischen Kunst, der Barockmalerei, die meistens den allem Verstiegenen abholden Auftraggebern gefallen musste. Die Kunst ist oft ein Opfer des Publikums, sie wurde zu häufig in der falschen Richtung gefördert. Die wenigen Bilder, die von Leonardo da Vinci erhalten geblieben sind, sind allesamt nicht besonders phantasievoll, nach üblichem Muster gemalt, bloss besser als das übliche. Doch die Skizzenbücher des Ingenieurs Leonardo da Vinci zeigen, dass er zu den phantasievollsten Gestalten der Menschheitsgeschichte gehörte; leider wollten seine Auftraggeber nichts davon wissen. Oder nehmen wir zum Beispiel die immer noch so populären impressionistischen Werke vor unser geistiges Auge. In diesen schönen Bildern kann man alles mögliche rühmen, aber ganz sicher nicht ihren Gehalt an Phantasie. Keine Spur von Phantasie gibt es dort.
Phantasie ist eine Kraft, die die Welt verändern kann. Die grosse Welt nur selten. Die französische Revolution, die die Basis für das moderne Demokratieverständnis bildet, verdankt ihre ideellen Grundlagen zweifellos phantasiebegabten Individuen. Ich bezweifle aber, ob die heutige grosse Welt durch die Phantasie verändert werden kann. Die kleine Welt, der persönliche Kosmos aber sehr wohl. Gehen Sie auf dieses Phantasiepotential ein. Wir können nur profitieren.
PETER KILLER, 17. März 2013
Pressestimmen
Wilde Kerle möblieren Träume
Erwin Schatzmann und Martin Schwarz stellen im Oxyd im «Podium Nr. 10» ihre Arbeiten aus und beleuchten mit ihren Arbeiten ihre Freundschaft zu Fred E. Knecht. Der Zürcher und die Winterthurer pflegten eine enge Freundschaft.
Da waren sie noch so richtig wilde Kerle – denkt man jedenfalls, wenn man die Fotografien am Eingang zur neuen Ausstellung in den Kunsträumen Oxyd betrachtet. Die Bilder zeigen Martin Schwarz und Erwin Schatzmann mit dem legendären Zürcher Künstler und Galeristen Fred E. Knecht, dessen Nachlass zurzeit ebenfalls im Oxyd in einer grossen Schau zu sehen ist. Männer mit Bärten und wilden Frisuren, mit oder ohne volles oder leeres Glas in der Hand und oft in inniger Umarmung.
Schatzmann und Schwarz waren mit Knecht eng befreundet, beide haben sie in dessen berühmter Galerie A 16 im Kreis 5 ausgestellt. Berauschende Partys inklusive, wie Schatzmann während eines Rundgangs durchs Oxyd versichert. «Wir waren dort ein wenig zu Hause», so der Bildhauer, Maler und Kleidermacher. Knecht habe Menschen vernetzt und junge Künstler intensiv gefördert.
Wahnwelt und Fantastik
Knecht, der 2010 unerwartet starb, hatte einen immensen Freundeskreis, darunter viele Kunstschaffende. Er selber engagierte sich gegen das gesellschaftliche Establishment, gegen Umweltzerstörung und für eine friedlichere Welt. Viele seiner Freunde gehörten nicht dem künstlerischen Mainstream an: Paul Nizon bezeichnete diese anarchische Szene einst als «Zürichs kleine Wahnwelt». Ihr gehörten Kunstschaffende an, die wie Martin Schwarz und Erwin Schatzmann aus dem Fantastischen schöpfen, aber die Gesellschaft im Blick behielten.
Der Rückblick auf «vergangene Zeiten» hat Letzteren bewogen, in seiner selbst kuratierten Schau ältere Arbeiten vorzustellen. Im Zusammenhang mit Knechts Werk, erklärt der Künstler, können sie wieder gezeigt werden, denn ohne den Zürcher Hintergrund seien diese «etwas passé». So kann man denn auch die frühe Phase des vielseitigen Künstlers wieder erschliessen. Hier hat er sich in erster Linie von seiner Lust zur Kreativität leiten lassen, ohne allzu viel Reflexion, ein Zug, der auch einen grossen Teil von Knechts Werk kennzeichnet.
Später legt er sich mit seiner «Anima» an, seiner in der Philosophie Carl Gustav Jungs so bezeichneten weiblichen Seite, die ihn manchmal geradezu aufsässig drängend zur Kreativität nötigt. Jünger sind seine Arbeiten in Holz und anderen Materialien, in denen sich seine Auseinandersetzung mit der christlichen Religion manifestiert. Wobei der Bildhauer keine neue Philosophie oder Religion predigt. Er macht das Mobiliar zu einer neuen Spiritualität – Platz nehmen und die Räume mit Geist erfüllen, das muss der Betrachter schon selber.
Schmunzeln erlaubt
Martin Schwarz ist ein ganz anderes Temperament. Auf den ersten Blick verwirrt er gern, er verblüfft seine Betrachter mit schelmischer Freude oder er wirbelt die Kunstgeschichte gehörig durcheinander. Peter Grüter vom Oxyd-Team hat denn auch Schwarz’ Ausstellungsraum in der Art einer Wunderkammer kuratiert. Hier finden sich Gemälde ebenso wie die Buchobjekte und andere Werke.
Mehrere Gemälde in Collagentechnik werfen die Frage auf, wo das Individuum in der stetig wachsenden «Masse» der Menschen bleibt, welche Rolle es spielt und wie es verhindert, dass es in der Menge, die alles zu vernichten droht, untergeht.
Die Ding- und Buchobjekte stammen teilweise aus seiner neuen Publikation «Sedimente der Nacht». Es sind Wunderdinge aus der Wunderkammer des Künstlers. Eine Wunderkammer, die nicht materieller Natur ist, sondern mit Fragmenten aus Träumen möbliert ist. Diese Fragmente, nächtens geschaut und geträumt, formieren sich tagsüber (oder wann auch immer) zu Objekten, die Träume in ihrer Absurdität noch übertreffen. Philosophisches reiht sich an Witziges, Schmunzeln darf man auch, über höhere Formen des Humors.
Was deutlich wird: Viele Winterthurer vermochten und können bis heute der Zürcher (und der Schweizer) Kunstszene das Wasser problemlos reichen (das geht auch ohne See). Und die beiden wilden Kerle aus Winterthur sind kein bisschen zahmer geworden. Das finden wir wild und gut so.
CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 26. März 2013