oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 52

22.1. – 22.4.2012

Marie-Theres Amici | Andreas Fritschi | Werner Hartmann | Beatrice Maritz | Lex Vögtli | Barbara Wiggli

«HUMUS»

Kuratorin: Adelheid Hanselmann

Vernissage: Sonntag, 22.1.2012, 12.00 Uhr

19.00 Uhr, Einführung:Adelheid Hanselmann und Peter Killer

Rahmenprogramm:

oxydinner: Freitag, 30.3.2012

Das materialisierte Herzstück von oxyd ist ein 10 Meter langer Tisch, an dem gegessen, getrunken und über Kunst diskutiert werden kann. Eine gute Gelegenheit, das besondere Ambiente von oxyd kennen zu lernen. Während jeder Ausstellung laden wir herzlich zum bereits legendären oxydinner, dem «Kunst-mit-Biss-Dinner», mit Apéro und Führung durch die Ausstellung «HUMUS». Wir freuen uns auf Sie, am 30.März um 19 Uhr. Details und Reservation hier.

Sonntag, 29.1.2012

11.30 Uhr, Brigitte Mauerhofer richtet einen literarisch kunstbetrachtenden Blick auf die Werke von Barbara Wiggli. Führung mit Barbara Wiggli und Adelheid Hanselmann.

Sonntag, 5.2.2012

11.30 Uhr, Peter Killer im Gespräch mit Marie-Theres Amici. Führung mit Marie-Theres Amici und Adelheid Hanselmann.

Sonntag, 19.2.2012

11.30 Uhr, Doris Ryser, Mögge Naef und Peter Killer im erinnernden Gespräch an den Künstler Werner Hartmann. Führung mit Adelheid Hanselmann.

Sonntag, 4.3.2012

11.30 Uhr, Andreas Fritschi: Ein Künstlergespräch mit Freunden. Führung mit Andreas Fritschi und Adelheid Hanselmann.

Sonntag, 25.3.2012

11.30 Uhr, Führung mit Lex Vögtli und Adelheid Hanselmann.

Sonntag, 15.4.2012

11.30 Uhr, Lesung aus «und jetzt», Texte von Beatrice Maritz. Führung mit Beatrice Maritz und Adelheid Hanselmann.

Sonntag, 22.4.2012

11.30 Uhr, Finissage. Performance von und mit Michelle DeFalque. Führung mit Adelheid Hanselmann.

Zur Ausstellung

Humus (lateinisch, «Erdboden») ist Teil der gesamten organischen Bodensubstanz. Er unterliegt vor allem der Aktivität der Bodenorganismen, die durch ihre Aktivitäten laufend zum Auf-, Um- oder Abbau des Humus beitragen.

Hummus [hum:us] (Humus, Hommos, Hommus, Hummous, Houmus, Houmous) ist eine orientalische Spezialität, die aus pürierten Kichererbsen und weiteren Zutaten hergestellt wird.

Die Kunstschaffenden Marie-Theres Amici, Andreas Fritschi, Werner Hartmann, Beatrice Maritz, Lex Vögtli und Barbara Wiggli stellen je einige ihrer Werke zur Betrachtung, Befragung und Aneignung ins Licht.

«HUMUS bedeutet für mich Nährgrund in leiblicher, geistiger, seelischer, biologischer und künstlerischer Hinsicht. Der Titel der Ausstellung, HUMUS, dient mir als Metapher für

- den Prozess der Entstehung von Kunstwerken

- das Kunstwerk, das in irgendeiner Weise dem Betrachtenden, dem Besitzenden nährend dienen kann

- die Qualität der in dieser Ausstellung gezeigten Werke und Werkgruppen

- den Ausstellungsort oxyd, der 2012 sein 10-jähriges Bestehen feiert.»

Adelheid Hanselmann, Künstlerin und Gastkuratorin dieser Ausstellung

Marie-Theres Amici *1943
Die Künstlerin richtet ihren Blick auf Naturschauspiele, z.B. das Wasser. Losgelöst von dieser direkten Begegnung, erfüllt von deren Erfahrung, gerinnt das Wesen der unbeugsamen und unbezähmbaren Natur in reine Malerei.

Andreas Fritschi *1954
Als «oxyd-Einheimischer» bezieht er sich in seiner installativen Arbeit auf die Geschichte der Werkräume, auf das Durchleuchten von Eiern und folgt in einer Spur der Auflösung und Neufügung von Papier.

Werner Hartmann 1945-1993
Der Künstler, Skripturalist und Zeichner war ein fantasievoller Fabulierer. Seine Schriftbildergeschichten – oft dienten Fundobjekte als Bildträger – tragen die Kraft der Begeisterung und Faszination in unsere heutige Zeit hinein.

Beatrice Maritz *1962
Ihre eigenwilligen, zarten Farbstiftzeichnungen nähren sich aus einer immateriellen Wirklichkeit – wie zum Beispiel «heute kommt heute». Sie verkörpern dichte, unbestechliche Sinnesräume, in denen eine lebendige geistige Heimat aufscheint.

Lex Vögtli *1972
Ihre Lust am Denken im Bild und am Handwerk Malen, ihr grosser Respekt vor der Fragilität prägen ihre Werke. Wir sehen Objekte des Alltags, doch deren Bildgefüge bleibt ein Rätsel.

Barbara Wiggli *1966
Sie schafft Analogien zur komplexen Wirklichkeit. Mit möglichst exakter Form- und Materialwahl sucht sie adäquate Lösungen für geahnte Zusammenhänge. Die Werke erscheinen zugleich vertraut und fremd, sie entziehen sich einer eindeutigen Lesart.

  • Andreas Fritschi

    Andreas Fritschi, «blau 2»

  • Barbara Wiggli

    Barbara Wiggli, «Tonruine 2»

  • Beatrice Maritz

    Beatrice Maritz, «heute_kommt_heute»

  • Lex Vögtli

    Lex Vögtli, «Stilleben»

  • Marie-Theres Amici

    Marie-Theres Amici, «2. Laguna», Venezia 2010

  • Werner Hartmann

    Werner Hartmann, «Schriftobjekt»


 

 

Die Ausstellung HUMUS wird mit einem Projektbeitrag von soKultur gefördert.

 

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Ansprache

 

HUMUS

Wieso sehen wir im Süden Europas oder im Norden Afrikas nur karge Wiesen? Wieso wird die Flora in hohen Norden ganz anders? Aus klimatischen Gründen. Eine nährstoffreiche Humusschicht gibt es nur im gemässigten Klima. Und das Gedeihen der Pflanzen ist vom Wasser und von der gut dosierten Sonnenstrahlung abhängig.

Aber nicht nur der Pflanzen. Zeichnen Sie in Gedanken eine Karte, in der die Geburts- und Arbeitsorte der Nobelpreisträger der Natur- und Geisteswissenschaften eingetragen sind: Die meisten, ja fast alle stammen aus gemässigten Klimazonen, also aus Gebieten, in denen die Humusschicht besonders fruchtbar ist.

Kultur – zumindest herkömmlich definiert – und Klima haben viel miteinander zu tun. Das gilt auch fürs Mikroklima. Nur wenige Künstlerinnen und Künstler entstammen einem kulturfeindlichen Milieu. Und handkehrum sind Kinder aus Künstlerhaushalten nur selten in der Lage an den Leistungen des Vaters, der Mutter oder des Elternpaares anzuknüpfen. Das Mikroklima kann dort zu warm sein, den nötigen Widerstand zur Selbstfindung vermissen lassen.

Kultur ist Energieüberschuss. Umkehren lässt sich dieser Satz nicht. Energieüberschuss kann zum Beispiel auch zu Aggression führen.

Wenn wir Humus als Metapher für die Möglichkeit kreativen Wachstums verwenden, könnte hier so gut wie jedes authentische Kunstwerk gezeigt werden. Adelheid Hanselmann hat die fast unendlich grosse Auswahl auf subjektive Weise eingeschränkt und so ganz verschiedene Zugänge zum Thema des geistigen Nährbodens geschaffen.

Es könnte sein, dass Sie diese Ausstellung mit falschen Erwartungen betreten haben. Schliesslich haben unzählige Künstlerinnen und Künstler seit der Mitte des letzten Jahrhunderts mit Erde gearbeitet, mit Humus. Zum Beispiel Jannis Kounellis oder Rolf Iseli. Auch das Thema der vier Elemente, zu denen die Erde gehört, ist in der Kunst oft behandelt worden.

Es geht auch nicht um einen Brückenschlag zwischen Kunst und Ökologie. Wobei Kunst und Ökologie sehr wohl etwas miteinander zu tun haben. Z.B.: Künstlerinnen und Künstler hinterlassen generell einen kleineren ökologischen Fussabdruck als die meisten andern Zeitgenossen. Da Arbeit und Freizeitbeschäftigung meist zusammenfallen, fallen die Kunstschaffenden in der Recourcen verschwendenden Freizeitindustrie weit weniger ins Gewicht als andere – vergnügungshungrige – Zeitgenossen.

Worum geht es? Beginnen wir im Eingangsraum, in dem sie Werke von Lex Vögtli und Barbara Wiggli sehen.

Lex Vögtli (40ährig) stammt aus Dornach und lebt in Basel. Sie verfügt sowohl über ein kaum vergleichbares handwerkliches Können als auch einen unerschöpflichen Bildnährboden. Die hier gezeigte Auswahl ist nicht bewusst vielfältig, gegensätzlich getroffen. So ist Lex Vögtli. Die geschlossene Schaffenseinheit ist ihre Sache nicht. Was ihr darstellenswert erscheint, stellt sie dar. Unbekümmert, ob das Neue zum Alten passt. Kein Werk hat den selben Inhalt wie das andere. Die Bilder spriessen wie aus einer Naturwiese, einer nicht benennbaren Ordnung gehorchend. Wobei das Bild der Naturwiese insofern deplaziert ist, als die Inspirationen aus der Welt des Künstlichen stammen. Wenn schon Naturvergleich, dann wohl eher die Hors-Sol-Produktion eines übermütigen Gärtners. Denn die Bezugspunkte sind hier nicht Flora und Fauna, die intakte Natur, sondern die Kunstgeschichte, die Trivialkultur, Kinderbücher, Comics und die digitale Welt.

Barbara Wiggli (45jährig), Solothurnerin, Konstrukteurin und Dekonstrukteurin, Entdeckerin, unentwegte Neulanderobererin. Dass sie ausgebildete Steinbildhauerin ist, ist kaum mehr ersichtlich. Ihre Werke passen wunderschön zu jenen von Lex Vögtli. Wie Lex Vögtli sieht sie keinen Grund B zu sagen, weil sie A gesagt hat. Künstlerin, Künstler ist man auf eigenes Risiko: Kunst darf deshalb alles, sie muss nichts. Barbara Wigglis Phantasiewelt ist zu reich, als dass sie einen zwingenden Grund sehen würde, die eine Gestaltung aus der andern herauszuentwickeln, oder gar sich ausschliesslich zu einem Material oder einer einzigen Technik zu bekennen. Der Nährgrund von Barbara Wigglis Kunst? Da fällt mir der erste Satz von Kandinskys Schrift «Über das Geistige in der Kunst» ein: «Jedes Kunstwerk ist ein Kind seiner Zeit ...» Unsere aus den Fugen geratende Zeit mit ihren Konferenzen an denen kaum je ein Problem gelöst wird, spiegelt sich hier; eine Zeit, wo das Unklare das Klare verdrängt, Definiertes sich auflöst, die Fachleute in höchster Position nicht mehr weiter wissen, wo es mehr Rätsel als Lösungen gibt.
Wenn in Barbara Wigglis hier gezeigter Werkreihe den Arbeiten mit Tonerde, ihrem elementaren Modellieren aus thematischen Gründen ein besonders Gewicht zukommt, dann entspricht das nicht dem Bild des Gesamtschaffens. Keramikerin ist sie nicht, aber auch.

2. Raum
Marie-Theres Amicis Schaffen (Luzern, 68 jährig) lässt sich am leichtesten mit dem Ausstellungstitel in Verbindung bringen, geht die Künstlerin doch immer von Naturbeobachtungen aus. Auch Berg- oder Parklandschaften hätten hier gezeigt werden können. Adelheid Hanselmann hat sich für Wasserbilder entschieden. Ohne Wasser gibt es keinen Humus.
Die Naturbeobachtungen sind einzig der Ausgangspunkt, ähnlich wie dies im Spätwerk von Claude Monet der Fall war. Sie ist keine Landschaftsmalerin. Ihre Werke entstehen parallel zur Natur. Sie ist Malerin, und das heisst sich mit Farbe und Formen, mit Strukturen und Rhythmen auseinandersetzen. Es geht hier meiner Ansicht nach um eine Recherche zu den Grundlagen der Malerei (eben: dem Humus der Malerei), eine Recherche, die die alten Meistern begonnen haben und noch nicht abgeschlossen ist. In vielen Phasen der Kunstgeschichte interessierte das, was Marie-Theres Amici (oder auch den deutschen Künstlerfürsten Gerhard Richter) fasziniert, kaum. Das kann aber kein Hinderungsgrund sein, von Künstlerahnen Begonnenes fortzusetzen. Im Gegenteil.

Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes – also der Boden, der Humus, auf dem wir stehen, gehen und bauen. Andy Fritschi, 1954 geboren, ist als Oxyd-Vereinspräsident, mit diesem Haus hier besonders eng verbunden. Er hat es auch optisch geprägt: Von ihm stammt die Treppe und der 10 Meter lange Tisch im zentralen Raum. Er hat sich auch mit der Geschichte dieses Gebäudes intensiv beschäftigt. Das ist nicht selbstverständlich, denn in unserer momentorientierten Zeit verschwindet das geschichtliche Bewusstsein mehr und mehr. Ums Jahr 1900 hat die Vereinigung Schweizerischer Konsumvereine diesen im 1890 fertig gestellten Bau übernommen. Hier, im Untergeschoss, wurden lange Zeit Eier durchleuchtet, um sie auf ihre Frische zu prüfen. Mit Fantasie üppig begabt, will Andy Fritschi uns mit seiner Installation keine Geschichtslektion erteilen, vielmehr lässt er uns teilhaben an seinen Assoziationsprozessen. Eine der Gedankenverbindungen ist das ins Riesengrosse gewachsene, aufgebrochene Kinder-Überraschungsei mit seiner – nun rosaroten – normalerweise gelben Plastikkapsel. In den zweidimensionalen Arbeiten können Sie, wenn Sie wollen, plan dargestellte Eierschalenbruchstücke sehen. Entstanden sind sie aber, indem Fritschi Papierbogen bis zum Reissen in Eierkarton hineingedrückt hat. Diese Fetzchen hat er auch als Grundlage zu grossen Bildern benutzt; es sind übrigens die ersten farbigen Arbeiten in seiner langen Künstlerkarriere.

Obergeschoss
Nun Andi Fritschis Treppe hoch, zu Werner Hartmann.
Wie entstehen Bilder? Man nehme einen Papierbogen, eine Leinwand ... Das meine ich nicht. Einmal mehr muss ich mein Lieblingszitat platzieren. Ludwig Hohl sagt: «Es gibt in der Kunst kein Inneres oder Äusseres. Wo Kunst ist, ist lauter Inneres aussen.» Das Innen ist der Nährgrund, der Humus der Kunst.
Werner Hartmann wurde 1945 in Zug geboren und starb 1993 im Alter von 48 Jahren in Zürich. Schön, dass wir hier seiner Kunst wieder begegnen können. Wir haben das Doris Ryser und Mögge Naef zu verdanken, die seinen Nachlass liebevoll betreuen. Werner Hartmann war ein obsessioneller Zeichner; aus dem inneren Fluss heraus haben seine Bildschriften Zeichenblätter, Tücher, Schaltafeln und Objekte aller Art überzogen. Als écriture automatique hat der Surrealistenpapst André Breton diese Gestaltungsweise bezeichnet. Sind es Geheimschriften? Verstecken Sie Botschaften? Werni Hartmann sass stets der Schalk im Nacken – und er war gern bereit, die Fragesteller mit immer neuen Interpretationen in die Irre zu führen. Die Interpretationssouveränität liegt bei den Betrachterinnen und Betrachtern. Werner Hartmann hat sich zwar mit den Bilderschriften der verschiedensten Völker beschäftigt. Aber das meiner Ansicht nach nur, weil er dem Geheimnisvollen, auch für ihn Geheimnisvollen, das aus seiner Tiefe kam, auf die Spur kommen wollte.

Beatrice Maritz wurde 1962 in Muri AG geboren, sie lebt und arbeitet in Erstfeld UR. Ihre Bilder entstehen nach dem Diktat des Pendels. Beim Pendeln können unbewusste Inhalte sichtbar gemacht werden. Die Nachbarschaft zu Werner Hartmann macht also durchaus Sinn. Ähnliche Bilder hat Beatrice Maritz im Oxyd bereits 2004 gezeigt. Noch nie ausgestellt, nirgendwo ausgestellt, wurden ihre photographischen Selbstporträts. Seit 1986 hat sie neben dem Bett eine Analogkamera, mit der sie sich im Zustand zwischen Schlaf und Wachsein aufnimmt. «Wie gsehn ich us, wänn ich nanig weiss, wien ich usgseh» heisst ihre Fragestellung. «Wenn die Vernunft schläft, singen die Sirenen.» hat Max Ernst den Traum lobend konstatiert. «Der Dichter arbeitet.» Dieses Schild habe Saint-Pol-Roux, so André Breton im «Surrealistischen Manifest», an seine Haustür gehängt, bevor er sich schlafen legte. Damit meinte er nicht, man solle ihn nicht beim Nichtstun stören, sondern beim Träumen.
Adelheid Hanselmann lag viel daran, einen Ausschnitt aus der langen Halbschlaf-Fotoserie zu zeigen. Vor allem deshalb, weil sie der Überzeugung ist, dass der Urgrund, der Nährboden, der Humus des Schöpferischen im Unbewussten liegt, dass die Phase des Erwachens zu den fruchtbarsten Momenten gehört.

Sechs ganz verschiedene Künstlerinnen und Künstler sind hier zu sehen. Wenn Sie einen Komposthaufen ihr eigen nennen, dann wissen Sie, dass dort die verschiedensten Materialen (nicht alle, wohlverstanden) verrotten und bei sorgsamer Begleitung allmählich zu fruchtbarem Humus werden. Ähnliches kann in dieser Ausstellung passieren. Dank ihrer Aufmerksamkeit, liebe Besucherinnen und Besucher, kann das Disparate zu einer vitalisierenden Einheit werden, zu einem Nährboden, zu Humus, aus dem visuelle und geistige Erlebnisse wachsen, Eindrücke, Erfahrungen, Einsichten.

 

PETER KILLER, 22. Januar 2012

 

 

 

 

 

Pressestimmen

 

Im Garten der Kunstgelu ste

«Humus» heisst die grosse Ausstellung, die im Rahmen der «Plattform»-Ausstellungen in den Kunsträumen Oxyd zu sehen ist. Und aus dem Humus treiben wunderliche Pflanzen und erspriessliche Blüten. Die spannendsten kriegen allerdings zu wenig Platz.

Kuratiert hat die Gruppenausstellung die Künstlerin Adelheid Hanselmann, die selbst bereits mehrmals in Gruppenausstellungen im Oxyd vertreten war und die Räume daher bestens kennt. Hanselmann hat ihre Aufgabe auf Wunsch von Künstlern übernommen, die sich zuweilen von kunstwissenschaftlich «vorbelasteten» Kuratoren in ein thematisches Prokrustesbett gespannt sehen. Oft sollen sie einerseits einem vom Kurator gestellten Thema gerecht werden, es illustrieren sozusagen, und andererseits «authentisch» bleiben, also ihre eigene Handschrift pflegen. Eine Zerreissprobe, die Hanselmann vermeiden wollte. Humus ist lediglich ein quasi geerdetes Assoziationsfeld, eine Anspielung für den Betrachter, welche Rolle Kunst im seinem Leben spielen könnte: nämlich Nährboden für den Wandel der Weltsicht und der eigenen Persönlichkeit zu sein.

Ausgewählt hat die kuratierende Künstlerin, wie sie an einer Führung durch die Ausstellung sagte, «Kunstschaffende, die mich besonders interessieren, weil sie völlig anders arbeiten als ich». Dabei hat sie sechs ältere wie auch ganz junge Künstler aus der Nordwestschweiz, der Zentralschweiz und einen aus Winterthur ausgewählt. Die Auswahl ist auch eine Hommage an die allerersten Ausstellungen vor zehn Jahren im Oxyd, als Solothurner Künstler als erste ausserkantonale Gäste die Räume bespielten.


Installationen und Pfützen

Die Ausstellung beginnt mit einem kontrastreichen Mix im Untergeschoss: Lex Vögtli (*1972) und Barbara Wiggli (*1966) bespielen den ersten Raum: Vögtli tritt mit ihren enigmatischen, aber von unbändiger Lust am Handwerk geprägten Gemälden hervor; das Gegenstück bilden die ebenso rätselhaften wie sinnlichen Objekte Wigglis.

Die übrigen Räume bis ins Erdgeschoss werden von einzelnen Positionen belegt. So setzt Wiggli zwar noch eine an eine Pfütze erinnernde Kupferinstallation in den zweiten Raum – der jedoch von Marie-Theres Amicis Gemälden dominiert wird. Amici (*1943) setzt in ihren Arbeiten Impressionen um, die sie angesichts von Naturphänomenen erlebt hat: Sinnigerweise ist der Raum dem Wasser gewidmet, ohne das aus Humus nichts spriesst. Während der Versuch, Naturimpressionen in Farbe und gestische Pinselführung umzusetzen, überzeugt, nehmen die Gemälde in ihrer formalen Eintönigkeit doch viel Raum ein, ohne inhaltlich viel zu bieten.


Erst das Ei, dann die Kunst

In den nächsten Raum gelangt man durch einen engen Durchgang unter der Holztreppe: Hier beginnt die Installation des Winterthurer Künstlers Andreas Fritschi. Als Einziger setzt er sich mit der Geschichte der Werkhalle Wülflingen auseinander, in der das Oxyd seit genau zehn Jahren beheimatet ist. Hier wurde nicht nur Dünger gelagert, hier wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Konsumverein auch Eier zwecks Qualitätskontrolle durchleuchtet. Fritschi greift nun dieses Thema in einer subtil gestalteten Rauminstallation auf – in der auch seine von ihm entworfene und gebaute Holztreppe zwischen Unter- und Erdgeschoss eine tragende Rolle spielt.
Der Künstler arbeitet in erster Linie mit dem Werkstoff Papier – mit Eierkartons, mit Bütten- und Zeitungspapier. Er spürt in diesen Materialien Strukturen auf – macht deren Sprache und Textur sichtbar. Dabei wird die Lust an der haptischen Qualität des Materials ebenso spürbar wie die intellektuelle Konsequenz seiner Formfindungen. Und dies alles in äusserster räumlicher Gedrängtheit, die den Zugang zu den Arbeiten nicht gerade erleichtert.
Während im Untergeschoss vor allem raumgreifende Werke dominieren, prägen Werner Hartmann (1945–1993) und Beatrice Maritz (*1962) mit ihren leisen und stark zeichnerisch geprägten Arbeiten die ersten zwei Räume im Obergeschoss.


Klarer Schwerpunkt fehlt

Insgesamt ist Hanselmann mit den sechs Künstlern eine anregende Ausstellung gelungen. Was da wächst und gedeiht, bildet das reinste Treibhaus der Ideen und Assoziationen. Die Positionen machen «gluschtig», sich drauf einzulassen. Allerdings hätte der Inszenierung ein klarerer Schwerpunkt gutgetan. Andi Fritschi, einer der Gründer der Kunsträume Oxyd, künstlerisches Gewissen und treibende Kraft hinter der überregional beachteten Kunstplattform, hätte es verdient – gerade anlässlich des zehnjährigen Jubiläums –, räumlich so richtig um sich greifen zu können.

Angesichts der eher schwachen Position Amicis wäre das Untergeschoss der richtige Ort gewesen, um dem vielseitigen und spannenden Kunstschaffenden einmal einen Auftritt mit Pauken und Fanfaren zu verschaffen: ein richtiges Andi-Fritschi-Feature. Von seinen Arbeiten hätte man gerne mehr gesehen. Humus ist gut und als Thema ja schön und schön bescheiden. Aber Jubiläen sind dazu da, dass man auch mal mit der grossen Schaufel anrichtet.

 

CHRISTINA PEEGE, Der Landbote vom 27. Januar 2012

 

 

 

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