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oxyd Kunsträume | Ausstellung | Nr. 5726.5. – 30.6.2013
Heidi Bucher | Hazem El Mestikawy | Sonja Friedrich | Monika Gasser | Barbara Graf | Alex Herzog | Ursula Hürlimann | Katja Kunz | Rahel Müller | Lucie Schenker | Martin Senn | Ludwig Stocker | Hugo Suter«Durchsicht – Quersicht Transparenz als Kunstthema»Kuratoren: Peter Killer und Peter Grüter
Vernissage: Sonntag, 26.5.2013
12.00 Uhr, Einführung durch Kurator Peter Killer
oxydinner: Freitag, 14.6.2013
Das materialisierte Herzstück von oxyd ist ein 10 Meter langer Tisch, an dem gegessen, getrunken und über Kunst diskutiert werden kann. Eine gute Gelegenheit, das besondere Ambiente von oxyd kennen zu lernen.
Wir laden Sie herzlich ein zu einem Kunst-mit-Biss-Dinner, mit Apéro und Führung durch die Ausstellungen. Details und Reservation hier.
Sonntag, 2.6.2013
11.30 Uhr, Musikrezitation mit Kommentar
Ludwig Stocker hat für das Rahmenprogramm der Ausstellung «Durchsicht – Quersicht» zum Thema «Transparenz in der Musik» den Flötisten Felix Renggli zu einer Musikrezitation mit Kommentar gewinnen können. Felix Renggli ist ein international bekannter Soloflötist und Lehrer an der Musik-Akademie Basel und der Staatlichen Hochschule für Musik Freiburg i. Br.
Sonntag, 9.6.2013
11.30 Uhr, Gespräch
Gespräch mit ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern. oxyd ist keine Galerie, keine Kunsthandlung, die den kommerziellen Erfolg anstrebt. oxyd ist ein Experimentierraum. oxyd ist ein Ort der Kunstvermittlung, der weitere Kreise anvisiert als den der so genannten Kenner. oxyd geht im Kunstbetrieb einen eigenen Weg. Den Besucherinnen und Besuchern direkte Kontakte mit Künstlerinnen und Künstlern zu vermitteln, ist uns besonders wichtig.
Sonntag, 16.6.2013
11.30 Uhr, Zwei Kurzfilme
Glas ist einer der bevorzugten Bildträger Hugo Suters. Es ermöglicht im Durchscheinenden unerwartete Durchblicke und Überlagerungen; zudem wird auch die Umgebung selbst zum Teil des Werkes. Zwei Kurzfilme geben einen erweiterten Einblick in sein Schaffen: - Hugo Suter: «Daumendrehender Maler», Video zu Glasarbeiten an der Alten Kantonsschule Aarau von Tello Frutiger, Bernhard Lehner und Charles Moser. 1988 - Hugo Suter: «Aquarell», Farbeiskugel auf Papier. Video von Peter Fischer. 2005
Sonntag, 23.6.2013
11.30 Uhr, Ausschnitte aus Filmen über Heidi Bucher
Heidi Buchers (1926–1993) zentrales Thema war die Hülle. Mehrmals kleidete sie Räume mit Gaze aus und beschichtete diese mit Latex (Naturgummimilch) und Perlmuttpigment, die sich, einmal erhärtet, wie eine Haut ablösen liess. Aus Massivem wurde Leichtes, Transparentes, Lichtdurchlässiges. Lichtbildner hiessen einst die Fotographen, Lichtspielhäuser die alten Kinos. Heidi Buchers unverwechselbaren Werke waren ein wunderbares Foto- und Filmthema.
Sonntag, 30.6.2013
11.30 Uhr, «Verschwinden – Erscheinen»
Barbara Graf und Hazem El Mestikawy im Gespräch vor und mit dem Publikum. Hazem El Mestikawy ist Ägypter. Es ist anzunehmen, dass nicht nur von Spezifisch-Künstlerischem die Rede sein wird, sondern auch von Transparenz in der Politik.
Zur Ausstellung
Transparenz ist Bedürfnis und Forderung in allen Lebensbereichen, heutzutage mit neuer Dringlichkeit. Kunst trägt seit je dazu bei, deutet und erhellt, klärt auf und befreit, schafft Einsicht und Durchsicht.
Laut Wörterbuch: «Transparenz (lat. transparens ‹durchscheinend›), auch Durchsichtigkeit, adj. transparent, durchsichtig; als Gegenteil Intransparenz, Undurchsichtigkeit.»
Durchscheinend oder durchsichtig? In der Bildenden Kunst und beim technischen Zeichnen wird Transparentpapier verwendet, auch Pauspapier oder Kalkpapier genannt. Wie Seidenpapier ist Transparentpapier halblichtdurchlässig. Wenn Politiker fordern, in diese oder jene Sache solle endlich Transparenz gebracht werden, dann meinen sie, es müsse Klarheit geschaffen, ein Missstand so deutlich als möglich ausgeleuchtet werden.
Das Wort «transparent» steht also für verschiedene Qualitäten der Durchsicht. Unsere Ausstellung orientiert sich an dieser offenen Definition.
Transparenz zum Kunstthema machten nicht wenige Künstlerinnen und Künstler seit dem 20. Jahrhundert. Heute beschäftigen sich auffallend viele mit durchsichtigen und semitransparenten Materialien (Glas, Plexiglas, Papiere, Textilien). Plastische oder raumbezogene Arbeiten faszinieren durch Leichtigkeit und scheinbare Schwerelosigkeit, inhaltlich durch vielschichtig-geheimnisvolle Konzepte.
Die oxyd-Ausstellung versammelt Beiträge aus vier Jahrzehnten von einem Dutzend Künstlerinnen und Künstler der deutschsprachigen Schweiz und einem Ägypter mit Zürcher Bürgerrecht. Alle setzen auf Transparenz und damit auch auf die suggestive Kraft des Lichts. Das Durchscheinende, kaum Sichtbare, bloss Angedeutete fordert und fördert eine intensivierte Wahrnehmung. Insofern geht es auch für die Betrachter um Durchsicht, Durchblick.
Sigmund Freud hat einst konstatiert, Kunst sei fast immer harmlos und bloss wohltätig. Es mag sein, dass das auch heute allzu häufig noch stimmt. Aber nicht im oxyd. Wir mögen die querdenkenden, quersinnigen, etwas querköpfigen Kunstschaffenden. Deshalb haben wir den Ausstellungstitel «Durchsicht – Quersicht» gewählt.
«Wer von aussen her durch ein offenes Fenster blickt, sieht niemals so viele Dinge wie einer, der ein geschlossenes Fenster betrachtet. Es gibt nichts Tieferes, Geheimnisvolleres, Ergiebigeres, nichts, das mehr von Finsternis und blendendem Glanz erfüllt ist, als ein von einer Kerze erleuchtetes Fenster. ... In dieser schwarzen oder leuchtenden Öffnung lebt das Leben, träumt das Leben, leidet das Leben.» Charles Baudelaire, «Petits poèmes en prose»
Ansprache
Durchblick, Querblick – Transparenz als Kunstthema Nach einer Ausstellung, die engräumig und fast ohne Durchblicke war: eine offene Ausstellung ohne Einbauten.
Unsere Sprache ist schrecklich unpräzis. Beispiel: das Wort TRAUM. Das meint erstens die nächtliche, Bilder evozierende Gehirntätigkeit. Wobei es neben dem Nachttraum den Tagtraum gibt. Zweitens ist Traum auch Vision: man träumt zum Beispiel von einer gerechten Gesellschaft, von einem besseren Leben. Und drittens bedeutet Traum auch Realitätsverlust: Du tröimsch ja, sagen wir, wenn jemand ins seinem Denken oder gar Handeln den Boden unter den Füssen verloren hat. Ein einziger Begriff: drei Bedeutungen. Noch krasser ist's beim Wort TRANSPARENZ, einem heute meist im Zusammenhang mit Missständen benutzten Begriff. Ob Politik oder Wirtschaft: ständig wird der Begriff Transparenz, Transparenz schaffen, verwendet. Diese Transparenz steht im Gegensatz zu der, die wir vom Transparentpapier her kennen, das bekanntlich halb lichtdurchlässig ist. Beim Glas gilt eine Mattscheibe ebenso als transparent wie ein Klarglas. Transparent heisst also sowohl durchsichtig als halbdurchsichtig. Und in der Werbung ist ein Transparent alles andere als lichtdurchlässig. Auf Transparente werden Anzeigen gemalt, gedruckt.
Wir – Peter Grüter und ich – haben beim Konzipieren und Realisieren dieser Ausstellung das Unpräzise des Begriffs des Transparenten akzeptiert, ja estimiert. Das Unpräzise öffnet ein anregend weites Feld.
Vor einer Woche habe ich im Louvre die viel diskutierte Ausstellung «De l'Allemagne» gesehen. Man hat sich dort eine Ausstellung ausgedacht, ein Gedankengerüst gebaut und das anschliessend mit Kunstwerken gefüllt. Die Kunst musste sich den Ausstellungsmachern fügen. Ich mag dieses Vorgehen nicht. Die Kunst, ein Kind der Freiheit, ist ohnehin vielen Zwängen ausgeliefert. Etwa den räumlichen Zwängen, den finanziellen Einschränkungen, dem stets zu engen Zeitrahmen. Es geht hier in dieser Ausstellung um Kunstwerke, ganz verschiedene Kunstwerke, nicht um ein Konzept, nicht um logische Stringenz. Auch deshalb kommt im Ausstellungstitel das unübliche Wort «Quersicht» vor. Wenn man quer denken kann, kann man auch quer sehen, selbst wenn der Duden nichts davon wissen will.
Keine Zeitung in der nicht im ersten Bund oder im Wirtschaftsteil von irgendwo mangelnder Transparenz die Rede ist. Keine Nachrichtensendung ohne das Stichwort Transparenz. Als Reaktion auf Geheimniskrämerei, falschen Datenschutz, Wahlbetrug, Korruption. Mit dieser politischen, wirtschaftspolitischen Transparenz beschäftigt sich die Kunst ebenfalls. In unserer Ausstellung tut dies Hazem El Mestikawy. Er bezieht sich auf die arabische Welt. Es wäre gar nicht leicht gewesen, Schweizer Künstlerinnen, Schweizer Künstler zu finden, denen unsere politische Intransparenz im Speziellen oder die helvetische Politrealität im Allgemeinen ein wichtiges Schaffensmotiv wäre. Vermutlich ist unsere Welt zu heil, um neben Thomas Hirschhorn noch viele andere Kunstschaffende zum Protestieren zu mobilisieren.
Wenn der Ruf nach Transparenz heute so laut schallt, könnte das den Kulturpessimisten noch kulturpessimistischer machen. Transparenz allein – was ist das schon? Wichtiger, grundlegender ist die Diskussion der ethischen Grundsätze. Was ist mit der jahrtausende alten Geschichte des Nachdenkens über Gut und Schlecht, über die Regeln des Zusammenlebens? Ist das alles vergessen, zu Geschichtsmüll geworden? In Ludwig Stockers Raum liest man die Erkenntnis des deutschen Philosophen Hans Blumenberg, die Welt sei den Menschen nicht durchsichtig, ja nicht einmal der Mensch sich selber. Man will Vorhänge aufreissen, aber hinter den Vorhängen kommen nur neue Vorhänge hervor.
Durchsichten, Durchsichtigem begegnet man auf der heutigen Kunstszene oft. Unser Einblick, den wir vermitteln, ist also nicht unglaublich überraschend. Durchsicht, Durchsichtiges ist nichts Neues. Seit gezeichnet wird, ist die Durchsicht auf den Zeichengrund ein Thema. Und die Lasurmalerei oder die Aquarellmalerei basiert auf der Wirkung der transparenten Farbe. Bereits Picasso und Tatlin entwickelten vor dem Ersten Weltkrieg Plastiken, die nicht mehr aus kompakten Volumen bestanden, von einer Gerüstidee ausgingen, den Raum in sich eindringen liessen. Mit Plexiglas und Metallgittern experimentierten verschiedene Bauhaus-Künstler. Als neue Referenzen an alte transparente Techniken verstehen wir die Wandzeichnung von Alex Herzog und das grosse Aquarell von Ursula Hürlimann.
Das Gegenteil, von dem, was wir hier zeigen, ist die traditionelle, konventionelle Bildhauerei. Da geht es um gestaltete, kompakte Volumen. Das hat seine Berechtigung, aber wir zeigen hier etwas anderes. Ob Stein oder Guss: da muss etwas endgültig formuliert werden, rechtens abgeschlossen werden. Jene Kunst hat auch etwas Rechthaberisches. Diese Kunst hier nie. Der gemeinsame Nenner, der rote Faden, die grosse Klammer heisst auch: ES KANN ALLES AUCH GANZ ANDERS SEIN. Diese geistige Flexibilität spiegelt sich in der Flexiblität bei der Materialwahl.
Die Steinbildhauerei und die Kunstgiesserei stirbt nicht aus. In von uns aus gesehen peripheren Ländern steht sie sogar immer noch hoch im Schwang. Hazem El Mestikawy sagt mir, dass in seinem Heimatland A gypten noch heute sogenannt richtige Kunst ohne richtiges Material nicht denkbar sei. Er arbeitet aber mit unrichtigem Material: mit Karton, Das sei in den Augen der kunstbeflissenen Landsleute Kinderzeug. Was auch hier früher gang und gäbe war, ist heute nicht mehr so selbstverständlich. Begreiflich: ewig haltbare und fast unveränderliche Materialien passen nicht mehr so recht in unsere extrem schnelllebige Zeit mit permanenter Beschleunigung, in der fast kein Stein auf dem andern bleibt.
Etwas gestalten heisst im Bereich der Bildenden Kunst etwas materialisieren. In den Märchen und den Mythen können Menschen durchsichtig, transparent, entmaterialisiert werden. Siegfried, der Held des Nibelungenlied, kann sich dank der Tarnkappe des Zwerges Alberich unsichtbar machen. Eskamotieren heisst das Fremdwort für «unsichtbar werden» (Wikipedia!). Einige der hier gezeigten Kunstwerke zeigen die Tendenz zum Eskamotieren. Das gilt ganz besonders für Rahel Müllers fast unsichtbare Sentenz, DIE WELT ANGEHALTEN, ZU SEIN.
Rankings und Ratings erfreuen sich grösster Beliebtheit. Man könnte einmal eine Künstlerrangliste auf der Basis des ökologische Fussabdrucks erstellen. Einen riesengrossen Fussabdruck würde zweifellos Urs Fischer hinterlassen. Sein Kerosinverbrauch, sein Materialaufwand ist gewaltig. Die Durchsicht-Quersicht-Künstlerinnen und -Künstler kämen da allesamt gut weg. Am besten schneidet das nachhaltige Klostergärtchen von Martin Senn ab, das er – von der Bahn aus gesehen – vor dem Haus, hinter dem Prellbock angelegt hat. Von ihm stammen auch die Scherben-Stillleben im letzten Raum.
Keine andere Oxyd-Ausstellung brachte so wenig Kilogramm auf die Wage wie die jetzige. Gar nichts wiegen die Schattenbilder von Sonya Friedrich und Ursula Hürlimann. Was besonders leicht ist kann fliegen: Heidi Buchers Herrenzimmer schwebt über dem Boden, die Installationen von Lucie Schenker und Sonya Friedrich ebenso. Und die Tonspur von Ursula Hürlimanns Arbeit lässt uns Vogelgesang hören, bringt die Welt der gefiederten Fauna ins Halbdunkel, Monika Gassers Roben träumen zwischen Realität und Irrealität, zwischen Fiktion und Geschichte. Katja Kunz hat auf der Basis von Blindzeichnungen Porträtreihen geschaffen, die die Schwerkraft aufzuheben scheinen. Die Body-Mapping-Arbeit von Barbara Graf, gestickt auf Gazestoff, ist nur einige wenige Gramm schwer.
In unserer Ausstellung heisst der gemeinsame Nenner, der rote Faden, die grosse Klammer heisst WANDLUNG, VERWANDLUNG. Am schönsten kommt die Idee der Wandlung, Verwandlung in den Mattglaskästen und den Sperrholzgravuren von Hugo Suter zum Ausdruck.
Wenn ALLES GANZ ANDERS SEIN KANN, dann mag das die einen von uns ängstigen, beunruhigen. Die andern, die Angstfreien oder die agilen Schilfrohre begreifen dies als Chance, lassen sich nicht verunsichern, sondern versuchen im Spiel die künstlerischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auszuloten. Das Spielerische ist deshalb unabdingbarer unserer Ausstellung geworden. Nach Johan Huizinga ist der Homo Ludens der Begründer der Kultur.
Das Spiel, das Spielerische wird von denen, die kaum einen Zugang zu dieser Wunderwelt haben, als etwas Oberflächliches disqualifiziert. Das Spiel ist einer der Urgründe des Kreativen. Vielleicht nicht der einzige, aber ein wichtiger. Das Spiel (ich meine nicht die Glücksspiele mit materieller Gewinnpotenz) steht in Erich Fromms Haben – Sein-Polarität auf der Seite des Seins. Die Welt angehalten, zu sein.
Caspar David Friedrich hat geschrieben: «Kunst mag ein Spiel sein, aber sie ist ein ernstes Spiel.» Auch diese Sentenz ist hier gemeinsamer Nenner, roter Faden, grosse Klammer. Ein ernstes Spiel: Gleich zwei – übrigens sehr spielerische – Künstlerinnen zeigen uns u.a. Schattenprojektionen. Wer die Geschichte der Philosophie ein bisschen kennt, denkt da an Platons Höhlengleichnis, das die zentrale Frage behandelt, was eigentlich die Realität sei. Der leichte Schein der hier meisten der hier gezeigten Kunstwerke darf Sie nicht täuschen; sie gründen tiefer als man beim schnellen Betrachten vermutet.
Es gehört zur Oxyd-Ideologie, dass Bestandenes hier neben Werdendem, Experimentellem seinen Platz hat. Zu den Bestandenen: Es ist uns eine besondere Ehre und Freude, dass wir eine ganze Werkgruppe von Hugo Suter zeigen können, dass Mayo Bucher mit Einverständnis der Galerie Freymond-Guth Fine Arts uns posthum zwei grosse Häute aus dem Herrenzimmer aus Heidi Buchers Wülflinger Elternhaus zur Verfügung gestellt hat, dass der 81jährige Ludwig Stocker für Oxyd eine neue Werkgruppe geschaffen hat.
Bei allem Gemeinsamen, das die Werke verbindet, die wir Ihnen zeigen können, gibt es Gegensätze, die die Ausstellung erst spannend machen. Herzlichen Dank, liebe Künstlerinnen und Künstler. Kunst bewegt sich zwischen Wirklichkeitsinterpretation und Wirklichkeitserfindung. Kunst bewegt sich zwischen den Eingebungen der Fantasie und analytischen, konzeptuellen Prozessen. Kunst bewegt sich zwischen Poesie und Prosa. Und zwischen solchen Polen wogen oder kräuseln sich die Wellen, kann sich alles vermischen.
PETER KILLER, 26. Mai 2013
Pressestimmen
Licht in den Schatten gestellt
In der Politik redet man gerne davon, in der Wirtschaft sowieso – in der Kunst verliert man darüber keine Worte, sondern klopft sie nach ihrem Potenzial ab: die Transparenz. In den Oxyd-Kunsträumen bieten Kunstschaffende Durchblicke – oder führen hinters Licht.
Leicht, luftig, durchscheinend – nach der letzten Ausstellung, als Fredys Welt das Oxyd mit über 1000 Objekten füllte und die nachgebauten Wohnräume zwar Einblicke, aber keine Durchblicke zuliessen, werden in den Kunsträumen in Wülflingen nun unter dem Titel «Durchsicht – Quersicht. Transparenz als Kunstthema» Werke gezeigt, die durch ihre Transparenz bestechen.
Beim Eingang baumeln mit roten Fäden bestickte Gazestreifen von der Decke. Bei genauerem Betrachten entdeckt man eingestickte Körperformen, die Abdrücke von Füssen, Händen, Brüsten. «Bodymapping» nennt die gebürtige Winterthurer Künstlerin Barbara Graf, die heute in Wien lebt, ihre Arbeit. Graf hüllt sich in Gaze ein, zeichnet einzelne Körperlinien mit rotem Faden nach und entwirft so eine Kartografie ihres Körpers. Der Körper wird eingehüllt, ausgebreitet, nur um anschliessend in abgewandelter Form enthüllt und sichtbar gemacht zu werden. Prägnanter hätte man den Einstieg in die Ausstellung und in das vielschichtige Thema kaum wählen können.
Lange Tradition Transparenz kennt viele Facetten: Glas ist durchsichtig, Milchglas durchscheinend, das Paus- oder Transparentpapier ist halblichtdurchlässig, das in der Werbung verwendete Transparent gar lichtundurchlässig. Transparenz bezeichnet somit verschiedene Grade der Durchsicht: Sie ermöglicht Durchblicke, aber verschleiert manchmal auch die Hintergründe. An dieser offenen, vielschichtigen Definition haben sich die beiden Kuratoren der Ausstellung, Peter Killer und Peter Grüter, orientiert und ein Dutzend Kunstschaffende ausgewählt, die sich auf völlig unterschiedliche Art dem Thema nähern.
Man trifft auf Werke von Kunstschaffenden, die sich seit Jahren mit der transparenten Form beschäftigen, wie zum Beispiel Lucie Schenker, die mit ihren schwebenden, sich aufblähenden Polyäthylenhüllen und ihrem pastellig leuchtenden Lichtguckkasten Klassiker der transparenten Lichtkunst zeigt. Hugo Suter ist ebenfalls ein Künstler, der sich seit Jahrzehnten mit der Transparenz auseinandersetzt, sei es mit seinen Glasbildern oder seinen perforierten Holzobjekten. Er fordert uns auf, seine Kunstwerke in einem anderen Licht zu betrachten, und führt uns dabei regelrecht hinters Licht: von vorne ein altmeisterliches Porträt, von hinten eine Collage aus diversen Materialien wie Brotscheiben, Klemmen, Schrauben. Ebenfalls zeigt Suter Hyalografien, sogenannte Glasradierungen, mit denen bereits Corot experimentiert hat. Transparenz als Thema geistert also bereits seit geraumer Zeit durch die Kunstgeschichte: Die lichtdurchfluteten Räume der Gotik, die Lasurtechniken der alten Meister oder die schwerelosen, scheinbar immateriellen Werke Picassos und Tatlins.
Ein Modebegriff Transparenz ist aber auch ein Modebegriff, der momentan insbesondere im (wirtschafts-) politischen Diskurs grossgeschrieben wird. Bezeichnenderweise setzt sich jedoch keiner der ausstellenden Schweizer Kunstschaffenden in dieser Hinsicht mit dem Begriff auseinander, einzig die Arbeiten von Hazem El Mestikawy sind im politischen Kontext angesiedelt.
Der Ägypter El Mestikawy, der heute in Wien arbeitet, entwirft seine Arbeiten aus Papier und Karton, einem Material, das wegen seiner vermeintlichen Leichtigkeit und Vergänglichkeit noch heute in der traditionellen ägyptischen Kunstszene eher verpönt ist. Doch hier steht nun ein lackierter schwarzer Pappwürfel, eine Kaaba im Miniaturformat als Sinnbild für den fliessenden Übergang von Verhüllung und Transparenz.
Rabengarten und Höhle Einige Räume weiter betritt man den «Garten des Raben» von Ursula Hürlimann – ein fragiles, der Realität entrücktes Gedicht. Die Dreidimensionalität der Installation wird durch das einhergehende Schattenspiel auf eine zweidimensionale Ebene gebracht und verwundert betrachtet man die Verzerrung der Dimensionen und Perspektiven. Auch die Arbeit von Sonya Friedrich, ein schwebendes, sich drehendes Mobile unserer Kindheitsträume, projiziert tänzelnde Schattenbilder. So spielerisch und poetisch wie bei diesen Werken wird einem Platons Höhlengleichnis selten vor Augen geführt.
Der letzte Raum schliesslich ist der einzigen gebürtigen Wülflinger Künstlerin der Ausstellung gewidmet: Heidi Bucher. Die Wände ihres «Herrenzimmers» werden posthum ausgestellt und überraschen aufs Neue durch ihre sinnliche Modernität, die sie in die Nähe der Arbeiten von Eva Hesse oder Louise Bourgeoise rücken lässt. In den späten 70er-Jahren kehrte Bucher (geboren 1926) in ihr Elternhaus, eine Villa aus dem 19. Jahrhundert, zurück. Dort kleidete sie die Räume mit Gaze aus und bestrich die Wände mit Naturlatex. Nachdem das Material sich verhärtet hatte, riss sie die «Wandhäute» ab: «Wir lösen langsam die Kautschukschichten, die Haut, und ziehen das Gestern ins Heute» – so beschrieb Bucher den Arbeitsvorgang.
Doch nicht bloss das Gestern ins Heute, in dieser Ausstellung wird auch das Aussen ins Innen, das Unsichtbare ins Sichtbare, das Immaterielle ins Materielle, das Licht in den Schatten gezogen. Und umgekehrt.
KATJA BAUMHOFF, Der Landbote vom 6. Juni 2013
Kunst der Transparenz Lichte Werke in den Oxyd-Kunsträumen Winterthur
Mit der Transparenz verhält es sich wie mit der Liebe: Sie einzufordern, ist leichter, als sie zu leben. Transparenz und Geheimnis schliessen sich aus. Diaphanes Material jedoch vermag Licht einzufangen.
Die Ausstellung «Durchsicht – Quersicht: Transparenz als Kunstthema» in den Oxyd-Kunsträumen Winterthur versammelt Beiträge von acht Künstlerinnen und fünf Künstlern. Mehrheitlich stammen diese aus der Deutschschweiz und arbeiten mit lichtdurchlässigen Materialien wie Glas, Textilien, Kunststoffen und Papier. Die Kuratoren Peter Grüter und Peter Killer beleuchten das Thema Transparenz von der ästhetischen Seite her: der Durchblick als visuelles Erlebnis. Die umstrittenen Aspekte des Modewortes bleiben weitgehend ausgeklammert. Einzig Hazem El Mestikawy (geb. 1965), der an der Basler Kunstmesse Scope 2013 durch die AB Gallery vertreten wird, führt die politische Dimension des Begriffs augenscheinlich vor, indem er Worte wie «Transparenz» und «Freiheit» als Schriftzug in seine Arbeiten integriert und verschwinden lässt.
Der Stoff der Erinnerungen Mit «Transparent Black Cube» präsentiert El Mestikawy einen an die Kaaba gemahnenden schwarzen Kubus mit einer umlaufenden arabischen Inschrift, die durch vertikale, leicht hervorspringende Metallstäbe überlagert wird. Bei schrägem Blickwinkel verschwinden das Schriftbild und dessen Inhalt hinter dem starren Metallvorhang, der Assoziationen zu «schwedischen Gardinen» wachruft. Der Spruch selber ist ein verbaler Loop (Anfangs- und Schlusslaut sind identisch), der jeglicher Logik entbehrt, somit einen geistigen Zirkelschluss darstellt. Die dreidimensionalen Werke von El Mestikawy bestehen aus Karton und Papier, wirken jedoch wie in Stein gemeisselt. Sie sind nicht licht, aber hinsichtlich des Materials leichtgewichtig und spielen mit optischen Effekten, die Täuschung implizieren.
Was die Auswahl der Kunstschaffenden anbelangt, so fällt auf, dass sich die meisten im vorgerückten Alter befinden. Mit Jahrgang 1970 ist die Winterthurer Künstlerin Katja Kunz die jüngste und der Basler Bildhauer Ludwig Stocker (geb. 1932) mit seinen 81 Jahren der älteste – und überraschendste. Seine neue Werkgruppe mit Figuren aus Polystyrol in Verbindung mit Glasscheiben ist wohl als ein Abgesang auf die Denkmalkunst zu verstehen.
Mit Heidi Bucher (1926–1993) ist zudem eine verstorbene Pionierin des Environments vertreten. In den siebziger und achtziger Jahren war sie für ihre Latex-Abhäutungen von Interieurs bekannt. Sie kleidete ganze Räume mit Gaze aus und überstrich diese mit Naturgummimilch und Perlmuttpigment, die sich, einmal getrocknet, wie eine Haut ablösen liessen. In den Oxyd-Kunsträumen sind zwei Häutungen aus ihrem Elternhaus in Wülflingen (das sogenannte Herrenzimmer) ausgestellt. Im Rahmen des Veranstaltungsprogramms werden Ausschnitte aus Filmen über die Grande Dame der künstlerischen Konservierung gezeigt.
Während Heidi Bucher ihr Schaffen eng mit ihrer Biografie verknüpfte und ihre Andenken einbalsamierte, setzt sich Monika Gasser (geb. 1952) mit verschiedenen weiblichen Biografien auseinander. Beiden Künstlerinnen gemeinsam ist, dass sie Textilien als «Konservierungsmittel» verwenden. Die von Monika Gasser ausgestellten Kleidchen aus semitransparentem Vlies sind jeweils einer Frau gewidmet, deren Initialen im Werktitel erscheinen. Durch die Einarbeitung von Erinnerungsstücken und aufgestickte Worte ist jedes der rosafarbenen Kleidchen personalisiert. Die Individualität der Frauen wird zusätzlich durch die unterschiedlichen Schnitte der zarten Gewänder betont.
Körper und Massnehmen sind auch zentrale Themen im Schaffen von Barbara Graf (geb. 1963). Die geborene Winterthurerin lebt abwechslungsweise in Wien und Kairo und ist mit Hazem El Mestikawy verheiratet. Ihre momentanen Werke sind keine geschneiderten Arbeiten, vielmehr Körperabwicklungen, die sie mit Medizinalbandagen vorgenommen hat. Die hängend präsentierten Gazebahnen weisen Abdrücke von exponierten Stellen ihres Körpers auf, die zunächst zeichnerisch festgehalten und dann nachgenäht wurden. In einem zweiten Schritt tauchte die Künstlerin die Gaze in Wasser, wodurch diese nahezu durchsichtig wurde und somit die Fadenzeichnung stärker in Erscheinung treten lässt. Zwei Fotoserien dokumentieren diese Aktion.
Licht- und Schattenspiele Wenn es um Transparenz in der Kunst geht, darf der Doyen Hugo Suter (geb. 1943) nicht fehlen. Von ihm sind nicht nur zwei bravouröse Installationen zu sehen, sondern auch «Lichtzeichnungen» in graviertem Sperrholz und Glasätzungen. Die Installationen bilden vorn den schönen Schein ab, zum Beispiel eine japanisch anmutende Tuschmalerei mit Bambus und Fels. Doch ein Blick hinter die «Mattscheibe» (geätztes Glas) offenbart die Realität: Das verschwommene Bild rührt von einer skurrilen Anordnung von Fotokamera und Filmstreifen her. Durchsichtigkeit garantiert somit nicht den wahrhaften Durchblick. Und wer auf Transparenz insistiert, so scheint uns die Wandzeichnung von Alex Herzog (geb. 1958) zu sagen, erreicht das Gegenteil. Die psychogrammatische Spur erweckt den Eindruck, als ob jemand mit dem Grafitstift die Wand habe durchschlagen wollen.
Mit zauberhafter Leichtigkeit greifen Ursula Hürlimann (geb. 1941) und Sonya Friedrich (geb. 1960) das Thema Transparenz auf. Ursula Hürlimann hat eine stilllebenhafte Situation mit Werkstattgegenständen und Glasobjekten installiert, die im Schein der Lampe ein poetisches Schattenbild an die Wand werfen, und Sonya Friedrich lässt ihr durch ein hölzernes Räderwerk angetriebenes Mobile im Projektionslicht drehen, so dass die Schnickschnack-Sachen sowohl im Raum wie der Wand entlang tanzen. Und mit einem Augenzwinkern hat Martin Senn (geb. 1960) im Geviert eines Prellbocks draussen neben den Bahngleisen einen von Bierflaschen gesäumten Schrebergarten mit Küchenkräutern eingerichtet. Vielleicht für diejenigen, die gern mal zu tief ins Glas schauen?
LUCIA ANGELA CAVEGN, NZZ vom 31. Mai 2013
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